Ich klaue nicht, nein, ich stehle nicht. Man hat es mir verboten, meine Eltern und die Kirche, alle haben gesagt: Es ist nicht rechtens!

Aber ich habe gesündigt. Ich habe große Gemälde und Bilder gestohlen, aus Clubs und Kneipen und Hallen und Museen. Und mit der Veröffentlichung dieses Berichts, der eine Offenlegung meiner Taten ist, will ich nun beichten.

Ich bin über den materiellen Wert dieser Gemälde nicht im Bilde, vom ideellen ganz zu schweigen. Und deshalb hoffe ich, dass alle, die die genauen Details meiner Überfälle kennen, diese für sich behalten. Es gibt sogar Leute, die trifft eine Mitschuld. Ich habe Aufträge erhalten, nur weil meine Freunde das Maul nicht halten konnten, was meine Kleptomanie angeht.

Die Verbrechen, die ich in den letzten Jahren begangen habe, waren keine Ladendiebstähle. Sie waren komplexer und spektakulärer, sie waren aber vielleicht nicht schlimmer als das Klauen einer Plastiktüte im Supermarkt –vielleicht aber doch. So genau kann man das nicht sagen. Vielleicht haben die Diebstähle den Künstlern sogar geschmeichelt, weil die Bilder eigentlich wertlos waren.

Im Folgenden werde ich einen Teil meiner Überfälle kurz beschreiben, aber ich werde keine Abbildungen des Diebesguts zeigen. Genauere Details werde ich hingegen über meinen jüngsten und letzten rauen Coup preisgeben, der 2013 in der lettischen Hauptstadt Riga stattfand. Da war ganz schön was los, Männer fasten mich dort an den Händen und sagten mir, ich weiß selbst nicht mehr was, die Frauen hingegen lächelten immerzu. So kam mir das in Riga vor. Sehr geheimnisvoll. Aber von vorne.

Mein erstes Bild wollte ich eigentlich gar nicht klauen. Ich wollte, dass man mich nicht dafür verantwortlich machte, dass ich es aus Versehen von der Wand gerissen hatte. Das war in einer Frankfurter Kneipe gewesen, die es heute nicht mehr gibt. Das Bild hing hinter mir, ich habe mich auch für das Bild interessiert, aber dann fiel es wirklich von der Wand und ich musste es erst unter dem Tisch verstecken und dann aus der Kneipe befreien und mit nach Hause nehmen.

Beim zweiten Mal hätte ich nicht geklaut, hätte ich beim ersten Mal nicht geklaut. Diese zwei Diebstähle hängen ja unmittelbar zusammen. Der entscheidende Impuls zum Stehlen des zweiten Bildes, kam durch die Rückbesinnung auf das Gelingen des ersten großen Stehlens. Was war das? Ich rutsche ab, dachte ich, ich werde ein Dieb, ich werde ein Sünder! Aber ich war schon lange vorher zum Sünder geworden.

Aus Sicherheitsgründen beschreibe ich auch mein zweites Werk nicht unnötig. Es war in einem Club, unter der Woche, ich glaube das dürfte noch nicht zu viel gesagt sein. Das Bild unterschied sich in einem Punkt enorm von meinem ersten: Es war sehr groß. Ich musste also enorme Kraft aufwenden, körperliche sowie geistige, um das Bild aus dem überfüllten Club zu befreien. Das Schlauste war natürlich, es über den Hinterausgang hinauszutragen. Und alles lief wie am Schnürchen. Nur dann, am vermeintlich unbewachten Hinterausgang, wurden wir erwischt.

– Was macht ihr da mit dem Bild?

– Wir sollen das mitnehmen, zum Restaurieren.

– Zum Restaurieren. Dann macht das.

Und das war´s, es hat funktioniert.

Später wollte mich mein Mitbewohner mit einem Küchenmesser auf meiner Matratze abstechen. Er war auch im Club gewesen, hatte vom Klauen des Bildes aber nichts mitbekommen. Von diesem Attentat gibt es ein Bild. „Ist doch nur Spaß“, scheint sein Gesichtsausdruck zu sagen. In meinem ist nur wildes Entsetzen zu erkennen. Aber da waren wir noch jünger.

„Man muss jung sein, um große Dinge zu tun.“

Mein drittes Mal beschreibe ich überhaupt nicht. Alles andere wäre dumm. Jeder Hinweis, den ich hier geben würde, könnte gegen mich verwendet werden, sie würden mich kriegen! Jedenfalls war das auch in Frankfurt gewesen, und eigentlich nichts besonderes. Ich hoffe nicht, dass ich nach diesem Bericht für jedes jemals gestohlene Bild verantwortlich gemacht werde. Das wäre Irrsinn. Es waren wirklich nicht bedeutend mehr als hier beschrieben.

Was ich nicht wollte, das war andere Leute mit diesem seltsamen Zwang anzustecken. Trotzdem entfachte ich mit meinen Geschichten über Kunstdiebstähle kleptomanische Gedanken in den Hirnen vieler Leute. Zum Beispiel in dem meines Vaters, der mir in einem Restaurant in der belgischen Stadt Namur zu meinem 24. Geburtstag ein Bild klauen wollte. Es geschah, aber es geschah sehr auffällig.

Nun, das vierte Mal war etwas besonderes.

Der talentierte Architekt Felix Werner und ich parkten mit unserem Auto im Halteverbot vor einem Gucci-Laden in Riga. Wir streiften dann durch die uns unbekannte Stadt und waren vor allem gespannt, was uns auf den „Tall Ship Races“, einer wettbewerbsorientierten Versammlung dutzender militärischer Segelschiffe, erwarten würde. Nachdem wir in einem Restaurant eine Kleinigkeit zu uns genommen hatten und ich einen abgenutzten jungen Mann mit Pommes fütterte, gingen wir los, die Schiffe schauen.

Beim Flanieren am Hafen entdeckten wir dann auch gleich die deutsche Ausbildungsbark Alexander von Humboldt II und als erfahrene Schiffs-dokumentationen-Schauer auf Youtube, erkannten wir in ihr natürlich sofort das Schiff aus der Beck´s-Werbung.

„Dream your dream!“

Dass uns dann tatsächlich Zutritt auf das Segelschiff gewährt wurde und wir den Zigarre rauchenden und Schnaps trinkenden Kapitän am Bug des Schiffes mit schweinischen Witzen zu typischen Sprüchen wie „Aho, was für Kerle, heuert sie an!“ bewegen konnten, ist nur eine simple Nebenepisode. Der wahre Raub stand uns noch bevor. Die schwarzen Kunstengel hatten ihre Schwingen noch lange nicht ausgebreitet, um Leid und Unheil über das demnächst sowieso mit Kunst so verwöhnte (Kulturhauptstadt Europas 2014) Städtchen zu bringen.

Also wo begann es? Es war ein bisschen später, wir saßen an den Tischen des altehrwürdigen Café Lenin und bekamen gerade noch so genügend klare Worte heraus, um uns miteinander über die Erlebnisse auf dem Becksschiff zu unterhalten, als sich eine junge Frau mit einem Tetrapack Pflaumensaft zu uns gesellte.

Architekt Werner und ich verstummten augenblicklich.

Nach einer Zeit fiel es uns dann leichter mit ihr zu reden. Sie sei seit mehreren Jahren nicht mehr in Riga gewesen, obwohl sie Lettin sei. Und sie habe Kunst in Riga studiert, sei dann aber nach Griechenland und also weggegangen, aufgrund des besseren Wetters. Sie fühle sich hier fremd, so wie wir.

Was wir glauben sollten und was nicht, das konnten wir nicht sagen. Und deshalb blödelten wir ein wenig vor uns hin, sie saß an ihrem Pflaumensaft, der natürlich kein Pflaumensaft war, sondern Wodka; und wir nippten an unsere Bieren und ließen es uns recht gut gehen.

Als die junge Künstlerin plötzlich in irgendeinem Schwall zum wiederholten Mal erwähnte, dass sie normalerweise eben nichts anderes tat, als den lieben langen Tag an ihrer griechischen Staffelei zu stehen, kam mein Freund, der Architekt, auf die Idee ihr zu erzählen, dass ich ein bekannter deutscher Kunstdieb sei. Oder habe ich ihr das selbst erzählt? Aber ich glaube, dass er gesagt hat „Leo here is …“ usw., und dann ging es natürlich gleich richtig los.

Mit inzwischen schon tiefhängenden Augenlidern winkte ich ab, sagte ihr, dass sei alles nicht der Rede wert gewesen, alles dumme Jugendsünden, vergeben und vergessen, aber sie liess nicht locker. Wie ungewöhnlich! Normalerweise reagieren Leute doch eher gelassen, geringfügig amüsiert oder einfach kopfschüttelnd auf diese Geschichten, aber sie nicht, nein.

Und wir wussten auch bald warum:

Sie beugte sich zu uns, unsere Köpfe berührten sich fast über den Bierpfützen, und dann, als wir ihren Wodka-Atem riechen konnten, gab sie uns einen Auftrag. Sie holte einen Schlüssel aus ihrer Jackentasche hervor, den sie uns entgegenhielt und sprach im Flüsterton, ganz nah an unseren Ohren, so dass wir eine Gänsehaut bekamen, dass wir ihr mit unseren Talenten doch bestimmt behilflich sein könnten, indem wir ein Bild, das sie gemalt hätte, aus einer Wohnung im russischen Viertel Rigas klauen könnten.

Erst verwunderte uns das, weil sie uns ja schließlich einen Schlüssel für diese Wohnung entgegenhielt und das also selber tun könnte, aber auf diesen Einwand reagierte sie mit Kopfschütteln und erklärte: Das ist alles nicht so einfach, weil der Schlüssel sehr alt ist, eventuell passt er gar nicht mehr ins Schloss, weil ich ja schon seit Jahren nicht mehr in Riga war, und vielleicht wohnen da jetzt ganz andere Leute und nicht mehr meine Freunde, wie früher, vielleicht sind da jetzt andere Menschen drin und die Schlüssel passen nicht mehr.

Und das machte uns natürlich auf Anhieb scharf und liess uns mit ihr ins russische Viertel laufen. Die Sonne ging bald hinter einer dunstigen Nebelwand auf, es war Sommer und wir waren hoch im Norden. Immer wieder schüttelte ich den Kopf. Dann zündete ich mir eine Zigarette an, was ich normalerweise nicht tue, und setzte mich mit der Lettin auf ein vergammeltes Sofa am Straßenrand. Auf diesem Sofa war ich plötzlich versenkt in einen Abgrund von Nachsinnen. Ich überlegte, ob das alles Sinn hatte, dieses Stehlen von Kunstwerken, und trotz aller Gedanken machte ich mich wohl mental dazu bereit wieder einen Diebstahl zu begehen.

„Wenn die Jugend ein Fehler ist, so legt man ihn sehr bald ab.“

Es war so still in der Straße, in der das Haus lag, in der die Wohnung war, in die wir hinein mussten, weil dort das Bild hing, vor dem ich Angst hatte.

Die Künstlerin aus Griechenland war sehr betrunken und konnte die Haustür zum Wohnhaus nicht öffnen. Wir gingen über einen Hof und einen Hintereingang dann in ein Treppenhaus, und „durch“ dieses weit hinauf an eine klapprige Holztür mit drei Schlössern. Die Schlüssel passten .

Als wir in der Wohnung waren, warf das Zwielicht im Morgengrauen so verzweifelte Schatten an die Wände, dass ich nichts mehr begriff und man mir sagen musste, wo das Bild hing, obwohl ich direkt vor ihm stand. Ich breitete meine Arme aus und nahm es von der Wand, drehte mich mit ihm durch den Raum und verliess, so schnell wie möglich, die Wohnung durch das verkommene Treppenhaus.

Auf dem Weg nach unten schoss ich ein Foto vom Fernsehturm.

Rangiert zur Zeit auf Platz 15 der höchsten Fernsehtürme der Welt.

Während ich auf der immer heller werdenden, aber zum Glück menschenleeren Straße auf meinen Freund wartete, betrachtete ich zum ersten Mal das Bild. Es war eine Art Aktzeichnung und es war auf einen sehr großen Rahmen gespannt, was ich beim Zupacken, warum auch immer, nicht gemerkt hatte und erst im Treppenhaus wahrnahm, als die Kanten des Bildes die Wände und das Geländer immer wieder und immer wieder berührten. Eine nackte Frau jedenfalls, sitzend und von der Seite, ein männliches Gesicht, verschränkte Arme, ein angedeuteter Stuhl. Während ich es weiter anschaute, kam irgendwann Felix Werner aus dem dunklen Hauseingang, ganz langsam, und hinter ihm die Künstlerin, die sich freute, während F. Werner verstört ausschaute.

Was war passiert?

Er wollte mir noch nichts sagen. Wir standen stumm herum und irgendwann ergriff ich die Initiative, denn ich wusste, dass das Bild zu groß für den Kofferraum unseres Autos war, und deshalb riss ich das Bild von der Leinwand, rollte es zusammen, schulterte es und schaute nach rechts zu Felix Werner, sah ihn aber nicht mehr, sondern nur noch die Künstlerin, die den Mund offen stehen hatte, und lief dann auch davon.

Dann endlich, frierend, auf dem Weg zurück zum Hotel, wurde uns klar, dass wir ja gar nicht wussten, ob uns die Künstlerin das Bild überhaupt schenken wollte, wir sind einfach weggerannt. Gehetzt, mit verzerrten Mienen. Dabei sahen wir ganz manierlich aus jetzt, leicht braungebrannt, die Sonne kämpfte sich durch den Nebel und zeigte das. Die Rücken stolz durchgedrückt, alles soweit gut, bis Werner erzählte, was er oben, während ich schon geflohen war, in der Wohnung beobachtet hatte. Denn dort seien, so er, mehrere Menschen gelegen, ohne sich zu bewegen, wie Leichen, sie waren überall: auf den Sofas, an die Wände gelehnt, zu dritt übereinander auf den Betten. Und ich hatte davon nichts mitbekommen, ich wollte nur das Bild sehen und mitnehmen. Er sagte, er hätte in ihren ausgestreckten Armen Löcher gesehen, ein paar Spritzen und Löffel. Gürtel um Fußgelenke.

Schweigend gingen wir weiter durch das grauende und trotzdem aufkeimende Riga. Manchmal schüttelte ich den Kopf, dann wieder er.

Am nächsten Morgen verliessen wir schnell unser Hotel. Wir fanden auf Anhieb unser Auto vor dem Gucci-Laden. Beim Starten des Motors musste ich mir kurz die Augen reiben und dann fuhren wir, nachdem ich die Scheibenwischer anstellte, um die Windschutzscheibe von den ganzen Strafzetteln zu befreien, den Golf von Riga hinauf Richtung Estland, an die Strände des Baltikums, an denen wir uns suhlen und alles vergessen wollten.

„Nach Ehre geizt die Jugend.“

Das Schlimme ist: ich weiß immer noch nicht, ob ich diese Taten bereue oder nicht. Gebeichtet habe ich hiermit. Für mich, als Katholik, müsste das reichen.

Ich erzähle gerne von diesen Überfällen, und überall hängen die Bilder, im Haus meiner Eltern, in meiner Wohnung, bei meiner Freundin. Aber irgendwie habe ich in letzter Zeit eine gewisse Scheu vor Museen und Galerien entwickelt. Das ist der Preis. Aus einer Manie wurde irgendwann eine Phobie, eine Kunstphobie. Und ich weiß: Inzwischen würde ich nur noch die Bilder meines in Wismar lebenden Großcousins klauen können, der mit seiner Frau schon seit Jahren als Duo unter dem Namen „Pique-Ass-O und die Kunstschlampe“ erfolglos den Norddeutschen Kunstmarkt aufzumischen versucht. Mehr ist für mich nicht drin. Die Hosen sind voll. Und Riga ist Schuld.

Nein, mehr ist für mich nicht drin.