Das deutsche Feuilleton und überhaupt die kulturelle Berichterstattung in diesem Land liebt die Langeweile – liiiieeeeebt sie! Phänomene wie das auf den folgenden Seiten bebilderte hingegen, die hasst sie.

2010, ein paar Jahre nach dem Erscheinen der letzten Ausgabe des Literaturmagazins DER FREUND, flog ich, zusammen mit dem Fotografen Philipp Levinger, nach Kathmandu und ging dort ins Hotel SUGAT, wo sich angeblich zwischen 2004 und 2006 die Redaktionsräume des FREUNDs befunden haben sollen. Zu unserem Erstaunen hatte es diese Räume nicht nur gegeben, nein, sie waren auch vier Jahre nach Ableben des Magazins, in einer seltsamen Auflösungserscheinung, noch vorhanden. Und seitdem weiß ich, was in der Literatur alles möglich ist, aber ich weiß auch, dass es nicht funktioniert, wenn man in Deutschland versucht eine (in diesem Fall literarische) Großmannssucht zu entwickeln; und sei sie noch so entwaffnend unehrlich gemeint. Das klappt nicht, man muss dann immer gleich das Land verlassen. Wir kennen das von waschechten Abenteurern wie Werner Herzog und Kim Dotcom. Aber auch von Christian Kracht und Eckhart Nickel, den Gründern des FREUNDs.

Auch Kracht und Nickel verschwanden. Die beiden Literaten hatten sich mit ranghohen Zuständigen in der Axel-Springer-Straße in Berlin-Kreuzberg verabredet, holten sich die Genehmigung zur Herstellung eines, in Augen vieler, elitären Magazins ab und eröffneten in einem Hotel in Kathmandu ihre Redaktionsräume. Dort stellten sie einen schillernden Paravan auf, hinter den das deutsche Feuilleton nicht schauen konnte, weil es sich nicht nach Nepal traute. Und deshalb glaubte auch keiner an den Spuk, der dort angeblich vor sich ging. Denn warum sollte man von einem Bürgerkriegsland aus ein deutschsprachiges Literaturmagazin betreiben?

Die beiden Freunde Kracht und Nickel erlebten vom Balkon dieses alten Hippie-Hotels das Ende der nepalesischen Monarchie und vor allem Nickel wohnte als Chefredakteur in zwei Hotelzimmern, die durch einen Wanddurchbruch miteinander verbundenen waren. Irgendwann bekam er Fieber, musste sich ins HILTON notverlegen lassen und das Magazin zog dann irgendwann nach San Francisco um. Nach dem Erscheinen der achten und letzten Ausgabe (in Klammern möchte ich hinzufügen, dass all diese Ausgaben inzwischen sehr teuer und selten sind) verschwand der zweijährige Monsun, der beständig im Hintergrund der deutsche Literaturszene tobte, genauso schnell, wie er am dortigen Himmel aufgezogen war.

Als wir 2010 das Hotel betraten, war es dort sehr schummrig. Ein verstaubtes Royal Enfield Motorrad stand im Eingangsbereich und ein junger nepalesischer Page betrachtete uns mit hervorstehender Zunge vom Ende einer Treppe, die in die höheren Stockwerke führte. Der Hotelmanager stand hinter einem großen Eintragungsbuch, er hatte nur eine Unterhose an und vor ihm stand ein leeres Whiskeyglas. Als wir ihn begeistert nach den Redaktionsräumen fragten, wollte er wissen, ob wir „friends of Christian and Eckhart“ seien und wir antworteten: „Yes, we are!“ Er zog sich schnell ein altes VfB Stuttgart-Trikot an und nahm uns mit in den zweiten Stock. Dort deutete er auf eine Tür, an der ein Messingschild mit dem Namen der Redaktion befestigt war: DER FREUND Magazine. Außerdem stand dort: „YES DARLING, BUT IS IT ART?“ Wir betraten zu dritt die verstaubte Redaktion und wussten: Sure!

Inzwischen ist das Hotel von der ehemaligen Redaktion geräumt worden. Die Kathmandu-Library besteht als ihr letzter Überrest im Literaturarchiv Marbach.

Und es gibt diese Bilder:

 

Dieser Text erschien in ähnlicher Form zuerst in DAS WETTER #10.