Erstmal wie wir aussahen: Wir waren relativ schick gekleidet, oder, sagen wir, wir waren vom Gedanken besessen gut auszusehen, taten es aber eigentlich nicht. Gut auszusehen war notwendig, weil wir uns inoffiziell auf Geschäftsreise befanden, um Tourismusgebühren in den Hotels zu sparen. Meine Reisebegleitungen, der Geograph Philipp Levinger und der Meteorologe Luis Santos, hatten modetechnisch ihr Bestes gegeben. Vom Ergebnis waren wir selbst wohl nicht völlig überzeugt, waren es doch eher unauffällige und schlichte Eleganzen, die wir vor der Pilsener Urquell Brauerei an diesem Freitag im Oktober zur Schau trugen

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Auf dem Brauereigelände dieses bekanntlich ja sehr übelschmeckenden Bieres, wollten wir uns auch nicht länger aufhalten, denn das eigentliche Ziel dieser speziellen Reise war die Brauerei (+Hotel) Purkmistr, die ihren Besuchern unter anderem die Möglichkeit bietet, in einer Badewanne voller Bier zu baden. Und wir wollten das, weil wir endlich mal wieder spüren wollten, wie es sich anfühlt zu leben.

Wir umschifften also im Bus großräumig die Pilsener Alt- und Innenstadt, die wir noch gar nicht gesehen hatten, weil wir schnell voran kommen wollten und dieses historische Zentrum für uns außerdem auch nicht von großer Wichtigkeit war. Es ist nämlich so, dass sich die osteuropäischen Altstädte wie ein Ei dem anderen gleichen, da ist wirklich nichts Interessantes mehr zu entdecken. Das Bild solcher Städte geht einem irgendwann ins Blut über, das ist alles mehr oder weniger geleckter UNESCO-Charme und eigentlich nur zum Heulen.

 

Zwischen Wirtshaus und Brauerei

 

Völlig unvorbereitet und auch leicht schwächelnd – aufgrund einer, irgendwie kurz nach dem Besuch der Pilsener Urquell Brauerei noch schnell durchgeführten Wirtshaus-Tour – mussten wir uns den Weg in den SPA-Bereich des Hotels der Brauerei erbetteln, in der die Hitze quellte und Frauen in thermal-klinischem Weiß uns aufs freundlichste begrüßten und versprachen uns in drei frisch vollgefüllte Badewannen voller Bier steigen zu lassen. Oh, pardon…nein, sie müsse sich korrigieren: Einer könne jetzt schon gehen, zwei weitere hätten doch bitte noch eine Weile Geduld. Wir schickten den Geologen P. Levinger vor, der laut späterem Bericht sofort einschlief und dem ähnliche Erscheinungen, wie sie uns begegnen sollten, verwehrt blieben.

Nachdem wir eine Erklärung unterzeichnet hatten, die bestätigte, dass uns weder kardiale- noch Abszesssorgen quälten, dass wir keine Pilze zwischen den Fußzehen und vor unserer Ankunft keine kreislaufdestabilisierenden Pillchen geschluckt hatten, waren wir bald nackt und standen, die Handtücher um die Hüften geschwungen, ein wenig fröstelnd im Nirgendwo und warteten auf weitere Anweisungen seitens der Spa-Frauen. Unsere Hühnerbrüste liess die dann auftauchende junge Mitarbeiterin des Hotels zwar nicht echappieren, sie nahm uns allerdings leicht keck betrachtend bei der Hand und führte uns in ein dämmriges Gebiet voller Milchglas-Schiebetüren, Backsteinimitat-Wänden, Wasserfällen und Rustikalhölzern, in dem, voneinander abgeschirmt, die Badewannen standen.

Die Wannen waren schaumig, das Bier angenehm warm und jeder von uns beiden hatte ein Bierfass neben sich stehen, samt Zapfhahn, und irgendwie hatten es die Mitarbeiter dieser Zone hier sogar geschafft uns während des Füllens der Wanne noch ein Bier zu zapfen. Es war ein Irrsinn ohnegleichen. Wir badeten in Bier und tranken dabei Bier und in irgendeinem Prospekt, das ich irgendwo an der Rezeption gesehen hatte, wurde man sogar ausdrücklich dazu aufgefordert möglichst viel Bier zu trinken.

Aber der Wasserfall vor mir an der Wand, der ging gar nicht in mein Fleisch über.

Erst nach wenigen entspannten Minuten voller Abtauchen in Bier und großen Schlücken, hörte ich die Stimmte des britischen Sängers Seal. Seal? Es war Seal, es war dieser Song „Kiss From A Rose“, der schlimmste von allen Songs, die es von ihm gibt, glaube ich. Aber ich war irgendwie so entspannt, dass mir das nicht mehr aufseal, ich konnte mich gar nicht wehren gegen diese, in meinen Ohren, Kakophonie. Es war so soft und so weich (und ich zapfte mir das zweite Bier), dass ich gar nicht mehr wusste, was mit mir geschah. Ich trank und drang in das Oeuvre von Seal ein, ich wurde zu Seal, ich war eins mit diesen Klängen.

Seals Alben Seal / Seal II / Human Being / Seal IV / System / Soul / Seal VI: Commitment / Soul 2 und 7 und die damit einhergehende, ständig wechselnde Platzierung in den britischen Charts, die an die Platzierungen mittelmäßiger deutscher Bundesliga-Fußballvereine wie Werder Bremen erinnerten: 1, 1, 44, 4, 37, 12, 11, 17, 11: All diese Alben und ihre Platzierungen kannte ich plötzlich. Ich war Sealologe, voll und ganz.

„Luis…?“

Stille.

„Luis…hörst du das auch?“, fragte ich den Meterologen in der Nebenwanne.

„Ja, das ist Seal, das ist Seal!“, sagte er.

Irgendwie klang er begeistert. Es war ein leichtes Lachen dabei, aber ein liebevolles. Als sei Seal ein guter Freund von ihm.

„Gefällt dir Seal auch gerade?“

Er sagte nichts mehr, ich glaubte aber ihn nicken zu hören, weil eine leichte Welle durch sein Bierbad ging.

„Ich denke“, sagte ich „gar nicht irgendwie an Heidi Klum oder an sein von dieser furchtbaren Autoimmunkrankheit zerfurchtes Gesicht. Ich höre nur entspannt diesem Mann zu, das ist alles, was ich gerade brauche, Junge…Luis…verstehst du?“

Von der anderen Seite kam nichts; dann schlief ich auch ein.

 

„The more I get of you, The stranger it feels, yeah.“

 

Als langsam das Wasser aus der Badewanne floss und wir zittrig und hopfenverklebt im Trockenen saßen, war dieser Seal-Traum endlich vorbei. Wir schlichen uns mit einem neuen Bier auf die Liegen in den Entspannungsraum nebenan. In Handtücher gewickelt dachte ich an das, was wir gerade erlebt hatten und fühlte mich recht wohl dabei. Dann, langsam aber sicher und wie aus dem Nichts, bemerkte ich wieder eine Tonabfolge, die sich aus den Badewannen-Räumen irgendwie zu uns hineinschlich.

„Auweia, was ist das denn schon wieder? Luis, hörst du das auch? “

„…“

„…“

„Aerosmith.“

 

Uns hing noch ein bisschen der Draht aus der Mütze (weil wir dachten wir seien die Wiederauferstehung und das Leben) nachdem wir das Bierbad und die Brauerei verlassen hatten und an einer Bushaltestelle standen, an der ein alter Tscheche mit uns wartete und einige Meter entfernt unablässig vor sich hin flatulierte. Wir hatten soviel Zeit noch, bis der Bus kam, dass wir ordentlich hinter die Bushaltestelle bieseln konnten und wir hatten sogar so sau viel Zeit, dass wir an der Haltestelle noch einen tranken.

Und keiner von uns, keiner dachte mehr an Seal.

Aber man denkt auch nicht immer an sein Herz, nur weil man weiß, dass es Teil von einem ist.