MS Dockville

Bei der Betrachtung des Dockville-Geländes fühlte ich mich an schwere Arbeit erinnert. An die Plutoniumtürme von Castrop-Rauxel und an die Schwefelfeuer von Duisburg und den ganzen Ruhrpott überhaupt. In Hamburg–Wilhelmsburg war überall schwere Industrie und die Backsteinfassaden ragten direkt ins Wasser hinein. Umheimliche Schiffe lagen hier vor Anker und die Wasserschutzpolizei schwamm auf Ölschlieren an uns vorbei. Meine Begleiterin und ich waren auf dem Dockville Festival und dort auf der Suche nach den romantischsten Lyrics des Festivalsommers.

Am schlimmsten und unromantischsten waren aber erstmal die Neurosen, die uns beide verfolgten. Hinter uns spielte die Band „Unknown Portal Orchestra“, aber wir waren zu abgelenkt vom Geruch und dem bitteren Geschmack vom Jever, das wir tranken. Was war nur drin? Spülmittel? Bleichmittel? Metallpulver? Als nach einer Stunde vom Bier keine Nebenwirkungen eintraten, waren wir wieder gefasster und rochen nicht mehr an unseren Plastikbechern, sondern standen am Rand einer Bühne und schauten die furchtbare Band „The Neighbourhood“. Wir wussten überhaupt nicht, wer das war, aber im Internet hatte ein Video über 100 Millionen Aufrufe. Ich schüttelte immer wieder den Kopf, bis meine Begleiterin mich fragte, was los sei. Ich seufzte und sagte ihr, dass ich mich darüber ärgerte, dass diese Band so „wack“ sei, also beschissen. Sie dankte mir, sie hatte dasselbe auch beobachtet und wir schauten jetzt noch einmal genauer hin. Der Sänger war nur tätowiert, das war ́s, und die anderen Musiker waren irgendwie ganz klein und kalt und verhielten sich wie auf einem Gymnasium-Bandcontest. Aber wir wollten darüber nicht schimpfen und gingen.

Ich musste aber auch einen Tag später noch an diese Band denken und daran, dass es sie nicht geben dürfte, hier in Europa. Diese amerikanische Band sollte Europa-Verbot bekommen. Und ich versuche zu erklären, warum ich das dachte: Europa ist schwierig zu verstehen, aber Europa ist auf dem Weg das Romantische in die Kunst zurückzubringen; also auch in die Musik. Damit meine ich aber nicht die komplexen musikalischen Strukturen von Beethoven, Donizetti, Liszt oder Chopin, sondern die Ur-romantischen Motive von Untergang, Sehnsucht, Einsamkeit, Tod und Liebe. Diese Motive gibt es im bekanntesten Lied von „The Neighbourhood“ nicht, denn dort heißt es:

And all I am is a man

I want the world in my hands

I hate the beach

und:

‘Cause it’s too cold, whoa

For you here

And now, so let me hold, whoa

Both your hands

Die Amerikaner gehören verscheucht auf diesem Gelände bei einer solchen Lyrik! Wenn man sich ein paar der wenigen übriggebliebenen us-amerikanischen Rockbands anschaut, die das Romantische vertreten (z.B. die „Deftones“) und sie mit „The Neighbourhood“ vergleicht, dann weiß man, was ich meine.

Weil also viele Rockbands, und vor allem us-amerikanische, so plakativ sind, suchen junge Leute die Hip-Hop-Flucht. Auf dem Dockville war diese Flucht möglich, mit eigenen Augen konnten wir es sehen. Und so komisch es klingt, aber die deutschen Hip-Hopper sind lupenreine Romantiker in allem, was sie tun. Vor allem am Samstag konnte man mit „MCBomber“, „Karate Andi“ und „Haiyti aka Robery“ Dinge sehen, die für ungeschulte Menschen geisteskrank erscheinen würden, die aber eine neue Epoche der Romantik in der deutschen und europäischen (ich betone das) Musik erkennen ließen. Viele weinten bei MC Bomber und der Staub saß tief in ihren Lungen. Bomber verbat uns Kondome, er schimpfte und es ging um die dunkelsten Geheimnisse sexsüchtiger Nachtwandler. Andere dissen, andere ficken. Natürlich ist das ein wenig offener und härter als das Romantische vor zweihundert Jahren, aber es steckt darin eine Wahrheit und eine Sehnsucht und ein Wahnsinn, der so offen an das Publikum weitergegeben wird, dass es einem einerseits Bange, andererseits schön knistrig ums Herz wird.

Jetzt verstanden wir langsam, dass das Romantischste an den jungen Künstlern, die Ehrlichkeit ihrer Texte war. Und über diese Erkenntnis freuten wir uns so sehr, dass wir in den Technotümpeln des Dockville Spritzen trinken gingen, die mit Wodka gefüllt waren.

 

 

Aber diese erste Erkenntnis reichte uns nicht. Wir waren weiter auf der Suche nach romantischen Lyrics und wir verließen zunehmend die großen Bühnen, auf denen, zum Beispiel, die „Crystal Fighters“ Honesty/ Honesty/ Honesty sangen, wo wir aber eben auch Bands wie „King Gizzard & The Lazard Wizard“ sehen mussten, die das Folgende von sich gaben:

Wah wah wah wah

Wah wah wah wah

Wah wah wah wah

Wah wah wah wah

Wah wah wah wah

Wah wah wah wah

Wah wah wah wah

Wah wah wah wah wah

Wie gesagt, wir verließen die großen Bühnen und blieben im Underground, um dort die „Goldenen Zitronen“ und „Haiyti“ zu schauen. Bei „Haiyti“ gibt es, glaube ich, ein Problem. Ich glaube nicht, dass man sich auch nur für eine Sekunde vernünftig mit ihr unterhalten könnte, dafür ist sie zu aufgedreht, aber das ist bei vielen jungen Frauen so, weil die sich immer umsehen müssen. Trotzdem gehört sie in den erweiterten Kreis der Romantiker auf dem Dockville. Sie stand auf einer Bühne namens Butterland, die mitten im Wald lag, und schrie nextnextnextnextnext nach jedem Song, wie ein kleiner, viel zu eng eingepackter und geringelter Singvogel. Aber eigentlich war ihr großes Thema auf dieser Bühne die Einsamkeit. „Haiyti“ konnte nicht alleine sein, immer waren zwanzig oder dreißig Leute auf der Bühne, die keine Funktion hatten. Das waren irgendwelche Freunde von ihr, die Liegestütze machten und mit ihr soffen, keiner hat das so recht verstanden. Homies halt. Dazu sang sie von ihrer Einsamkeit, dem vielleicht ehrlichsten aller romantischen Gefühle:

Tätowiere mir ein Messer

Tätowiere mir ein Messer direkt unters Herz

Kopf in der Schlinge

Cops kommen klingeln

Badewanne voll, in der Hand ein paar Pillen

Mann, ich will doch nur chillen

Meine Welt ist verwirrend

Bin ich gut oder böse?

Mann, ich kann mich nicht fühlen

 

Und um sie herum Gewimmel und im Publikum Gefummel, aber eigentlich jeder so alleine und traurig.

 

Das alles sind aber eigentlich nur Vorstufen zur wahren romantischen und ultramelancholischen Musik, wie wir sie bei den skandinavischen Sad Boys (Yung Lean, Yung Gleesh, Yung Gud) (und auch beim kalifornischen Rapper Bones) sehen und auch beim österreichischen Pendant dieser Musikrichtung (Young Krillin, Yung Hurn). Von ihnen war zwar keiner auf dem Dockville, aber die Macher des Festivals hatten die Pop- Variante dieser romantischen Ehrlichkeit eingeladen: „Bilderbuch“. Bei „Bilderbuch“ geht es hauptsächlich um das romantische Motiv der Liebe und die Musik ist auch nicht mehr so düster, wie bei den anderen. Es gibt dort eine wilde Freude am Frühling und man findet in ihren Liedern die unerträgliche Erwartung, die einen befällt, wenn man irgendwo steht und auf die große Liebe wartet. Und sie sind die größten Verfechter der europäischen Idee, die ich jemals auf einer Bühne haben stehen sehen: Gute Nacht, Europa! Bis bald, Europa! Halte durch, Europa! Und wenn das keine Kunst-Barriere gegen die immer unehrlicher werdende Musik sein soll, die uns in Form von amerikanischen Bands a la „The Neighbourhood“ angreifen will, was dann?

Abschließend und um das Romantische, das auf diesem Festival wie ein Fluidum beständig zwischen den Menschen waberte, noch einmal zu verdeutlichen, schaue man sich folgende Texte doch einmal genauer an.Bilderbuch sangen am Samstag:

 

Leg die Maske an für den Fiaskoball

Dein Herz ist Zucker

Deine Haut deine Haut deine Haut Karamell

or:

Das ist das neue Gefühl: So magnifico

Wie All in im Discocasino!

Ein bisschen Future

Zum Verspielen, ja? Davon hat man eh zuviel!

 

und „Die Nerven“ am Sonntag:

 

man hört Stimmen durch das Fenster die Vorhänge sind zu

dein Atem geht schwer

und gestern hast du doch noch so große Reden geschwungen wohin jetzt

wohin

und wie man fliegt hast du verlernt

 

Das ist die neue Ehrlichkeit und die neue Romantik der europäischen und deutschsprachigen Musik! Man konnte sie auf dem Dockville zwar nicht überall vernehmen, weil auf den Technofloors kleine Satane schon seit Donnerstag ihre eigenen romantischen Ecstasy–Feuer entfachten, die den Dunst der Romantik übertönten. Aber sonst war das schon überall zu spüren. Und wer will mir erzählen, dass es anders war? Wer will mir sagen, dass die ehrlichen Zeiten der Musik nicht die besten aller musikalischen Zeiten sein werden? Bald sind die romantischen Motive und die Ehrlichkeit wieder überall. Auch in Amerika. Und Amerika beginnt kurz hinter Wilhelmsburg. So please, please, please, let us get what we want!

 

Dieser Text erschien zuerst am 24. August 2016 auf motor.de