Helikoptereinsätze in 16 kleinen und einem großen Bild

In der Nacht sprechen die Dinge und in Tropennächten die Helikopter. Egal ob sie über Anzio in Italien, den Vordertaunus oder L.A. knattern. Sie machen Lärm und schauen und suchen nach Menschen, die abnormal sind. Abnormale Menschen, die sich in abnormen Situationen befinden, werden in heißen Sommernächten lange von Helikoptern gesucht. So ist das nun mal.

Das Wort Helikopter ist ein Synonym für den eigentlich schöneren Begriff „Hubschrauber“. Man kann es sinngemäß drehen und wenden wie man will, dieses Luftfahrzeug bleibt sich in der Funktion (Drehflügler) sehr ähnlich.

Die Helikopter werden von Piloten, nicht Menschen, gesteuert. Die Gesichter der Piloten kann man sich nur grob vorstellen. Die Visiere reflektieren das Licht der Kontrolllämpchen und dann kommt erst das Gesicht. Falten sind tief in sie gegraben und Konzentration darauf gezeichnet.

Nie weiß man, hinter wem sie her sind. Wie gruselig, nicht? Die Jagd aus der Luft muss ja Menschen gelten, die man zu Fuß nicht mehr erwischt hat. Oder sie wird eröffnet, wenn sich die Suche per Auto als zu schwierig herausstellt. Aber Helikopter suchen auch nach Vermissten. Wenn Menschen vermisst werden, ist das auch abnormal und man bekommt Angst.

Menschen verlassen ihre Wohnungen und Häuser und befinden sich dann in einer hilflosen Lage. Oder sie töten jemanden und fliehen, oder klauen und prügeln. Dann kommt der Hubschrauber und schaut sich das aus der Luft an. Er filmt die Situation und die Piloten urteilen und geben per Funk durch, ob sie jemanden gefunden haben, oder berichten, was passiert.

Wie einfach, denken wir, aber wer ist schon mal mit einem Helikopter geflogen? Und wer mit einem Polizeihubschrauber, der Schurken oder Vermisste sucht? Also blicken wir nur in die Luft und fragen uns, umso länger der Sucheinsatz dauert, warum es so schwer sein kann jemanden aus der Luft zu finden.

Alle haben Angst. Der Vermisste, der Mörder, der aus dem Gefängnis Ausgebrochene, der Dieb mit seinem neuen Auto, die Polizisten zu Land und zu Luft, der Betrachter, der nicht weiß wo das ganze hinführt und das Ergebnis dann höchstens aus der Zeitung, oder dem Fernsehen, oder dem Radio entnehmen wird.

Beispielsweise wird eine Frau gesucht, ihr Handy aus der Luft geortet und eine ganze Weile kann man sie mit einem Helikopter verfolgen, bis sie ein Haus betritt und sich das Signal nicht mehr bewegt. Dann kommen Polizisten und brechen die Tür auf, weil niemand öffnet. Die Frau schläft. Die Frau hat sich umgebracht, oder sie versucht es gerade. Die Frau liest Zeitung.

Schöner ist es da doch, egal welches Szenario eintritt, dieses nicht betrachten zu müssen, sondern noch ein wenig durch die Lüfte zu schmettern. Wenn der Einsatz beendet ist und die Polizisten sich freuen. Dann hören sie aus Spaß Richard Wagners Walkürenritt. Haha. Die Frau ist tot, oder lebt, aber die Walküre reitet weiter durch die Nacht. Sie reitet zur Landung auf das Dach der nächsten Polizeistation.

Und wenn endlich alles lufttechnisch geklärt ist, und in den Straßen, Wohnungen und Häusern der eigentliche Kampf und das eigentliche Drama beginnt, beschleunigt der Hubschrauberpilot und steht quer in der Luft, macht eine starke Drehung, weil er schnell nach Hause will, dorthin, wo er nicht höher, aber weiter weg von den Geschehnissen ist.

Ist der Helikopterpilot eigentlich ängstlich? Er hat ja keine natürlichen Feinde in der Luft, oder verhängen sich Albatrosse schreiend in seinen Rotoren und er fällt triebwerksgeschädigt auf die Fläche?
Nicht?
Gut. Vögel sind also ungefährlich und damit egal und irrelevant.

Technische Mängel wird es schon geben und Unfälle in der Luft sind ja keine Seltenheit. Hier sind natürlich die filigranen Helikopter besonders stark gefährdet. Eine Schraube zu fest, eine Mutter zu lose und schon schmiert es nicht mehr richtig und die Taumelscheibe oder das Schlaggelenk zerbirst und dann kommt der Sturzflug!

CHRONISCH FLUGGEIL oder PEOPLE FLY AIRPLANES…PILOTS FLY HELICOPTERS.

Es gibt fickende Flugzeuge. Symbolisch! Man schaue sie in Filmen wie: Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb. Dort sehen wir am Anfang quasi Flugzeuge ficken, weil sie sich gegenseitig betanken, um ständig, Atombombenbeladen, durch die Luft fliegen zu können. Hubschrauber betanken sich nicht gegenseitig. Asexualität sagen wir ihnen jetzt nach.

Trotz dieser Mängel sind Helikopter gute Freunde. Sie kommen als Medicopter, wie in der TV-Serie, und helfen verschollenen, eingeklemmten und verdammten Bergsteigern. Und drunten im Tal schütteln sie die Köpfe, denn dort wissen sie, dass man den Bergen mit Obacht! entgegentreten sollte und die ganz Altklugen schreien zum Helikopter hinauf und zitieren dabei wohl auch noch Hans Kammerlander: Ein Gipfel gehört dir erst, wenn du wieder unten bist – denn vorher gehörst du ihm.

Hubschrauberpiloten kümmern sich nicht um ulkige Sprichwörter aus den Höhen der Tatra, oder des Ural, oder der verfluchten Alpen. Sie sind weiter, höher, geiler! Geiler! Richtig gehört. So reden Piloten. Sie sagen Dinge wie CHRONISCH FLUGGEIL oder PEOPLE FLY AIRPLANES…PILOTS FLY HELICOPTERS.

Hubschrauber gibt es auch in Kriegen, aber Kriege sind nicht sonderlich interessant. Denn nachdem hier eine kleine Einführung gegeben ist, geht es nur noch um den zu Beginn eingeführten Helikopter der Nacht, den Helikopter über dem fleckigen Gemisch aus hell und dunkel:


Thomas Hacker flog seinen Polizeihubschrauber, das gängige Modell „Eurocopter EC 120 Colibri“ mit dem Rufzeichen „Ibis“, über die Startbahn 05/23 des Flughafens Hamburg-Fuhlsbüttel.
Er war auf der Suche nach einem Mann, dem man in Hamburg in verschiedenen Tageszeitungen verschiedene Namen gegeben hatte, so berüchtigt war er schon. Die Leichenteile seiner Opfer setzte er in einem Hamburger Vorort in Brand. Fußgänger sahen es fernab der Wege qualmen: Mal ein Kopf, mal ein paar Gliedmaßen.
Hacker, Thomas, stellte sich gerade vor, während er seinen Helikopter immer weiter vom eigentlich Ort der Suche entfernte, wie grausam die Nähe zwischen dem Peiniger und seinen Gepeinigten gewesen sein muss. Sein, Hackers, Zustand wurde während dieser Gedanken durch das starke Flirren seiner Nerven bestimmt, das vergleichbar schien mit den Gegendreh-, oder Giermomenten seines Hubschraubers.
Er hatte die startenden Flugzeuge des Hamburger Flughafens hinter sich gelassen und seine Kollegen konnten ihn nur noch am Ton der sirrenden Rotorblätter erkennen. Er stieg immer höher.
Da er erst vor kurzem gestartet war, hatte er noch eine ungefähre Reichweite von 700km und kam vielleicht bis Oslo, oder er stürzte in ein Feld in der Nähe des Osloer Vororts Drammen. Irgendwo dorthin würde es ihn verschlagen.
Aber warum? But why?
Er würde bald das Wasser erreichen. Und während er dachte „Ich werde bald das Wasser erreichen“, dachte er auch: „Was ist es, das unserer Welt diese Fragilität verleiht?“.
Per Funk hatten sie ihn erst gefragt, ob alles in Ordnung sei und als er nur bejahte, hatten sie ihn aufgefordert umzukehren. Auch jetzt noch schimpften sie auf ihn ein. Trotzdem dachte er nicht daran umzukehren. Er würde sich widersetzen, weil heute ein Tag war, an dem Widerstand bedeutete, dass die Zerstörung seines eigenständigen Denkens endlich aufhören würde. Das war so seine Erlösungsphantasie. Er würde endlich sehen, was wirklich wichtig war.
Kurzzeitig hatte er seine Geschwindigkeit verringert, aber dann gesehen, dass sein Kollege Peter Tausch, unter dem Decknamen „Pirol“, hinter ihm herflog. Peter Tausch konnte ihn aber nicht einholen.
So flogen der „Ibis“ und der „Pirol“ über das nächtliche und tropisch-warme Dänemark. Peter Tausch war in guter, angeregter und gespannter Verfassung, während Thomas Hacker in höchst gespannten geistigem Zustand (wie er sagen würde) sich befand.
Hacker und Tausch waren gute Freunde. Letzten Sonntag hatten sie sich bei einem Spaziergang  unter eine alte Platane gesetzt und waren so in´s Reden gekommen:
„Man muss doch wohl irgendwie die Menschen von ihren Egoismen kurieren können“, hatte Hacker zu Tausch gesagt.
„Und man sollte sie von ihrer Engherzigkeit befreien“, hatte Tausch gedacht, es aber nicht gesagt.
Die Engherzigkeit und die Egoismen verachtend flogen sie heute, vier Tage später, zusammen über das dunkle Wasser.
„Komm zurück, Thomas.“ – „Nein.“ – „Wo willst du hin?“ – „Ich fliege nach Norwegen.“ – „Warum?“ – „Um meine Egoismen zu kurieren.“ – „Warum?“ – „Frag mich das nicht.“
Und auch in dieser Nacht sprachen die Dinge und es war Thomas wichtig, wieder einen unmittelbaren Zugang zu diesen Dingen zu bekommen. Ihm machte Angst, dass er ein guter Mensch war und immer hören musste, dass so viele andere nur das Böse verkörperten.
Seinen persönlichen Einsatz würde er heute zu Ende bringen.
„Das wird eine tolle Sache, alle Piloten werden stolz auf mich sein“, dachte er.

 

 

 

Leonhard Hieronymi