Ich benutze den Namen des Fürsten der Walachei – Dracula, oder Vlad II. Dracul – in diesem Text nur als Synonym für das Gruselige und Unheimliche, das ich in Rumänien finden will. Ein junger Mann auf der Suche nach dem Unheimlichen also.

Die Suche beginnt am Flughafen von Bukarest. Bis auf das Wetter, das ungefähr so tot ist, wie ich es mir wünsche, ist Bukarest unschuldig, kann also nicht für mein Verlangen nach Grusel herhalten.

Ich nehme den Bus in die Innenstadt. Im Bus merke ich, dass das Unheimliche schon einfach dadurch entsteht, dass ich alleine bin. Ich fahre bis zum Hauptbahnhof. Von Nicht-Ort zu Nicht-Ort. Der Bahnhof ist eine dunkle Sensation. Getümmel und Qualm, Ruß, zertrampelte Hunde und schneeige Seen. Dazu  klamme Feuchtigkeit und eisige Zugluft. Ein unangenehmer Ort.

Ich rauche nicht, aber kaufe mir Zigaretten und Kekse und steige in den Zug nach Bulgarien. Ich will die Donau überqueren, bevor ich mich in Rumänien auf die Suche mache.

Im Sechserabteil sitzt ein junger Mann mit seiner Mutter. Ich schaue beide an, immer im Wechsel. Als sie den Zug verlassen, stehe ich auf und gebe ihnen die Hand. Ich weiß nicht, warum. Das ist leicht gesagt, aber ich weiß es wirklich nicht. Ich schaue ihnen hinterher, wie sie über den verschneiten Bahnsteig gehen.

Es ist April. Die letzten Monate, etwa November bis März, haben sich nicht voneinander unterschieden. Es war immer dunkel und zwar so dunkel, dass man es nicht glauben konnte. Drei Wochen habe ich die Sonne am Stück nicht gesehen. Ich sage das, weil es hier in Ruse, der bulgarischen Stadt an der Donau, nicht besser ist. Der Himmel ist bleihaltig. Vielleicht mal ein Kupfer- oder Messingblättchen dazwischen. Wenn das so weiter geht, wird keine Stadt auf dieser Reise schön sein. Zum schlechten Grau kommt hinzu, dass die Gehsteige zerrissen sind und ich sehen muss wo ich bleibe, mit meinem Klotz am Bein, dem Rollkoffer. Er ist mir schrecklich peinlich, aber ich schaffe es bis zum Hotel. Da funktionieren die Rollen aber schon lange nicht mehr. Sie sind mit Kieselsteinen und Schlamm vollkommen verdreckt und verklebt.

Alleine.

Im Hotel gehe ich nach einer Dusche zuerst in den Speisesaal. Er ist natürlich leer, ich habe nichts anderes erwartet. Ich setze mich an einen gedeckten Tisch und hole meine faseriges Insel-Taschenbuch heraus, um zu versuchen herauszufinden, wie Ein Held unserer Zeit ausgeht. Ich trinke und bin alleine mit meinem Taschenbuch. Dann gehe ich wieder auf´s Zimmer und schaue die Wiederholung vom Formel 1-Qualifying.

Der Morgen ist nicht besser. Ich frühstücke mit Deutschen, die ihre fetten Tuba- und Euphoniumrucksäcke irgendwo zwischen ihre Stühle und Frühstückstische stellen. Dass mich das auch überhaupt nicht interessiert, das wundert mich nicht. Sie erinnern mich alle an die ganzen Alexander Martins und Stephanie Meiers aus meiner Grundschule, mit ihren dicken Rucksäcken. Ich bin enttäuscht und nicht ignorant. Ich dachte, das wird ein bisschen Abenteuer in Bulgarien, aber wenn eine komplette deutsche Bläserkombo mit mir am Frühstückstisch sitzt, dann will ich das auch nicht. Außerdem wollte ich das Unheimliche in Rumänien finden, nicht in Bulgarien.

Deshalb verlasse ich Ruse und fahre über die Donau wieder zurück. Durch die verdreckten Fensterscheiben des Zuges kommt kaum Licht. Ich schaue auf die Kräne am Ufer des Flusses. Zwei Stunden lang, die gesamte Fahrt über, bin ich alleine.

Zum zweiten Mal in zwei Tagen stehe ich dann am Hauptbahnhof von Bukarest herum. Es ist schon wieder dunkel und ich nehme das erstbeste Taxi, zum 20-fachen Preis. Es ist dumm so etwas zu tun und ich hätte es besser wissen müssen. Es ist mein zweiter Tag und keine Unheimlichkeit kommt auf.

Verträumt und verlassen gehe ich an einen Kiosk vor dem Hotel und kaufe mir ein Feuerzeug für die Zigaretten, die ich gestern am Bahnhof gekauft habe. Ich rauche ja eigentlich wirklich nicht. Aber das Taxi war so teuer und der Fahrer so unangenehm in all seinem Gebaren, dass ich jetzt im Hotel rauchen werde. Ich sitze auf meinem Zimmer, schaue auf die nächtliche Straße und überlege, was ich mache: vielleicht schlafen oder ein bisschen meine Gedanken aufzeichnen. Aber ich habe keine großartigen, deswegen mache ich das Licht aus.

Jetzt geht es aufwärts, denke ich und verlasse am nächsten Morgen das Hotel schon wieder in Richtung Bahnhof, mit dem Ziel Brașov (Kronstadt). Auf der Bahnstrecke geht mir ein ums andere mal das Herz auf. Ich scheine endlich dem Unheimlichen näher zu kommen. Jetzt bin nicht mehr „Ich“ das Gruselige, sondern auch die verschneiten Karpaten und die Friedhöfe und die Ahnung von Wölfen im dunklen Tannenwald. Die Eisenkreuze stehen nahe an den Gleisen. Hinter dem Fahrdamm, in der Ferne, sehe ich ein großes Berghotel, in dem nur wenige Lichter brennen und lediglich das Kasino im Erdgeschoss hell erleuchtet ist.

In Brașov laufe ich über hauchdünne Schneeschichten und esse scharfe Würstchen in einem Restaurant. Dann miete ich mich in eine alte Pension ein. Die Schatten kommen während ich in meinem Zimmer auf dem Bett sitze und nach draußen schaue. Ich gehe wieder hinaus, um die Schatten einzufangen und laufe zwischen Altstadt und Waldrand entlang, wo die Seilbahn auf den Berg „Tampa“ außer Betrieb ist – hier leuchtet nichts im Dunkeln, außer dem Zwielicht Siebenbürgens, das auf mich zu kriecht. Ich lausche in den Wald und höre Hundegeheul. Auf einem Parkplatz weiter unten, in der Nähe der Altstadt, kann ich sehen, wie ein Hund einen Mann anspringt, der versucht aus seinem Auto auszusteigen. In der Manteltasche umklammere ich meinen Apfel vom Frühstückstisch, den ich eingesteckt habe, um angreifende Hunde mit einem gezielten Wurf auf die Schnauze davon zu jagen. Aber der aggressive Hund kommt nicht.

Das ist Brașov – und überall diese hauchdünne Schneeschicht

Ich umgehe den Parkplatz und betrete wieder mein Quartier. Hier ist es endlich so, dass keiner mehr da ist. Weder Deutsche, noch Australier oder Amerikaner, auch keine Südostasiaten und keine Franzosen. Die gesamte Stadt Brașov ist weg. Kein Tourist weiß, dass es sie gibt. Es gibt nur mich, in der Pension. Vorne am kleinen Empfangstisch steht einen junge Rumänien und schaut mich verträumt an. Sie weiß ganz sicher, dass außer mir niemand mehr hier ist. Ich nicke ihr zu – sie schläft fast ein. Auf dem Tisch hat sie eine Lampe stehen, die ein dunkelgelbes Licht abgibt. Viel zu wenig für sie, aber für mich genau richtig, vom Grauen erfüllt, so wie ich es nun mal sein will.

Ich gebe ihr nach meinem Nicken noch ein freundliches „Hallo“ mit und gehe durch eine Tür nach draußen, zu den Zimmern. In den schmalen und langgezogenen Hof, von dem die Zimmer abgehen, schaut der Berg „Tampa“ hinein. Ich kann Teile der Kabelstrecke der Seilbahn sehen. Sie bewegt sich im Wind, hinauf auf den bepuderten Gipfel und noch immer fährt keiner hinauf. In großen leuchtenden Lettern steht dort oben wie in Hollywood BRASOV.

In meinem Zimmer ist es sehr dunkel. Ich muss das Licht über dem Bett ausschalten, weil es zu sehr flackert. Das Licht aus dem Hofgang vor meinem Zimmer reicht, um einige Notizen in mein Tagebuch zu machen. Während ich, auf dem Bett sitzend, in meine Bücher schaue öffnet sich plötzlich die Tür meines Zimmers. Hinein kommt die junge Rumänien vom Empfang. Erst bin ich sehr erschrocken. Als sie das  merkt lächelt sie und fragt mich, wann ich morgen frühstücken werde. Ich erkläre ihr, dass ich morgens selten Hunger habe und sie freut sich über meine Appetitlosigkeit, da sie durch diese Appetitlosigkeit morgen zwei Stunden länger schlafen könne. Es übernachte sowieso keiner außer mir in der Pension. Dann kriecht sie, ohne dass ich es ändern kann, ohne dass ich es überhaupt realisiere, unter meine Bettdecke. „Mmmh“, stöhnt sie, ihr sei kalt. Ich lehne mich nervös zurück und weil ich nicht weiß, was ich machen soll, lese ich ihr auf Deutsch aus meinen Tagebüchern vor. Sie versteht nichts und ist schnell eingeschlafen – im Hotel scheint wirklich wenig los zu sein. Ich stehe auf und schaue aus dem Fenster in den Hof vor dem Zimmer. Jetzt wirft nur noch die leere Rezeption ein wenig Licht ins Zimmer. Dunkle, schwere Wolken treiben über die Pension dahin und in der Luft hängt die schwere, bedrückende Stimmung eines kommenden Gewitters – mitten im Schnee.

Sie wacht nach einer Stunde auf, sie ist ein bisschen verwirrt und nicht mehr so frei zugänglich wie vorhin. Sie ist sogar sichtbar nervös. Als erwarte sie im Bett das Heulen der Wölfe und einen weiteren fremden Gast.

Gut, denke ich, dass mir die Umständlichkeit sie zu wecken erspart geblieben ist. Ich kann mir gar nicht erklären, wie sie vom Zustand beinahe unerhörter Offenheit und Intimität zu mir ins Bett gekrochen kam und sich jetzt so schüchtern und defensiv verhält. Ist die Rumänin kurzzeitig verwandelt gewesen, in eine der Prinzessinnen Draculs?

Ich hoffe es. Es wäre ein guter Schritt zur Unheimlichkeit.

Ohne dass ich weiß, was sie von mir will nimmt sie plötzlich meinen Mantel, legt ihn mir über die Schulter und führt mich an der Hand aus dem Zimmer.

Zum dritten Mal an diesem Tag gehe ich durch die Altstadt in die Dunkelheit. Sie hakt sich unter meinem Arm fest und führt mich in eine entlegene Wirtschaft am Waldrand. Lange Gespräche folgen. Sie kann Englisch und erklärt mir, dass sie aus Bistritz stamme. Wir essen Gerichte mit Mais und Paprika. Draußen fängt es wieder an zu schneien.

Das war keine bosheitsgeschüttelte Nacht, denke ich

Wir bleiben immer in der Nähe des Waldes und gehen zurück Richtung Herberge. In der Stadt löscht die schwarze Kirche ihre Lichter. Sie erzählt mir von einem amerikanischen Touristen, der hier einmal von einem Bären attackiert und in der Dunkelheit unter den Tannen verzehrt wurde. Ich schaue in die Finsternis und bilde mir ein, leuchtende Augen zu sehen. Viel näher bin ich dem Unheimlichen jetzt, als in den vergangenen Tagen. Mir steigen Tränen in die Augen vor Kälte.

Sie verabschiedet sich von mir vor einem erleuchteten Fenster der Herberge und kann meine kalten Tränen erkennen. Einer ihrer Schneidezähne blitzt kurz auf, aber auch das war wohl Einbildung. Ob wir uns wieder sehen würden, frage ich und sie antwortet, dass das von mir abhängig sei, von meinen Reiseplänen. Gerne würde sie mich noch einmal sehen. Ob wir uns morgen gemeinsam Draculas Schloss ansehen würden, frage ich und bekomme ein Lächeln und ein Nicken. Sie zieht ihre Kapuze über den Kopf und verschwindet zwischen einer alten Bäckerei und einer Apotheke in eine Gasse.

Das war eine schöne, keine bosheitsgeschüttelte Nacht, denke ich und schlafe mit geschlossenen Fenstern und geschlossenen Vorhängen und geöffneten Augen ein.

Am nächsten Morgen ist von der Spannung und der Schönheit der vergangenen Nacht nichts mehr zu spüren. Die Sonne scheint und der Schnee schmilzt auf dem Kopfsteinpflaster. Ein Hauch von Frühling liegt in der Luft. Es ist sehr früh und auch wenn ich der einzige Gast in der Herberge sein muss, höre ich auch sonst keine Geräusche. Ich ziehe mich an und betrete den Flur ohne Dach. Es ist ein wenig wie in einem amerikanischen Motel, nur die Mauern sind fester, die Zimmer älter, alles ist dunkler, es gibt keinen Pool, nur bewaldete Berge.

An der Rezeption ist auch niemand. Ich beschließe nicht auf meine Bekanntschaft der vergangenen Nacht zu warten. Ich gehe alleine zu Draculas Schloss.

Am Bahnhof von Brașov sind viele Zigeuner und sie wollen, dass man sie so nennt, ich habe gefragt. Ich versuche herauszufinden, wie man zu Dracula Schloss kommt, irre aber in die verschiedensten Richtungen ohne es herauszufinden. Irgendwann erklärt mir jemand, dass eine normale Buslinie der Stadt dorthin fahre.

Ich laufe durch die Vorstädte zur Haltestelle. Dort nehme ich einen Bus zu einer anderen Station, an der ich noch einmal umsteigen muss. Ich weiß nicht, was ich im Bus mache, viel passiert nicht. Ein paar Touristen sind jetzt da. Ich glaube Amerikaner. Ein Pärchen. Plötzlich wünsche ich mir meine rumänische Begleitung zurück. Ich werde sehr traurig.

Während der vierzigminütigen Fahrt durch die Walachei zieht sich der Himmel wieder zu. Am Straßenrand führen Schäfer, in schwere Felle und Jacken eingewickelt, ihre schlammigen Schafe über die Ebene.

Die Walachei

 

Ein wenig fährt der Bus zurück in die hügeligeren Gebiete, dort in eine Stadt und dann sehe ich das Schloss. Als einer der ersten verlasse ich den Bus und laufe über die Hauptstraße auf diesen schrecklichen monolithartigen Bau zu.

Die Hauptstraße ist in ihrer Eigenart ebenfalls unheimlich. Souvenirshops und Geisterbahnen, alles halb vergammelt, halb verschlossen. Biere aus bunten Flaschen trinkende Japaner vor den vergitterten Gärten und Hinterhöfen der wahren Einwohner dieser Stadt. Wo kommt das alles plötzlich her in diesem Tal? Ich fühle mich überrumpelt.

Ich betrete endlich das Gelände auf dem die Burg steht und fühle mich trotz der Touristen vollkommen verlassen. Dracula, das weiß ich, hat hier gar nicht wirklich gelebt. Das Gebäude ist aber so kompakt-markant, dass Bram Stoker es als Vorlage für das Schloss im Roman verwendete.

Ich gehe nicht mit den anderen in die Gemäuer, sondern klettere an seinen Aussenwänden entlang. Ich betrachte alle kleinen Fenster. Aus einem muss Graf Dracula nachts zum Jagen gestiegen sein. Ich drehe mich von der Schlossmauer weg und fotografiere Wurzeln, die aussehen wie Hundeköpfe.

Dann, irgendwann, gehe ich doch hinein. Durch eines der Fenster schaue ich den Hügel hinunter auf die Walachei. Bilder zeigen, wie einsam das Schloss vor Jahren noch im Dorf stand, als die Vergnügungsbuden hier noch nicht standen. Außerdem gibt es Bilder vom Grafen, das berühmteste fotografiere ich ab.

Ein japanischer Schuljunge tritt mir versehentlich auf den Fuß, er schaut zu mir hoch und ich fauche. Da muss er lachen und rennt zu seinen Eltern, die im angeblichen Schlafzimmer des Grafen stehen.

Ich verlasse das Schloss und muss zwei Stunden auf den nächsten Bus warten. Ich trinke auch ein buntes Bier und laufe noch einmal um das Schloss herum. Nein, denke ich, weg hier.

 

Der gräfliche Monolith

 

Wieder in Brașov betrete ich meine Herberge. Meine Freundin sitzt nicht am Schalter und ich frage auch nicht nach ihr. In meinem Zimmer sinke ich aufs Bett und warte, dass jemand hinein kommt, um mir einen Blutcocktail zu reichen.

Niemand kommt, niemand klopft an die Tür. Ich warte sehr lange und dann reise ich ab. Auf dem Heimweg mache ich endlich Eintragungen in mein Notizbuch.

Hier sind sie.