Frühjahr 2016

Fast zwei Jahre später, zurück in Wien.

Von einer langen „Sie-küssten-und-sie-schlugen-sich“-artigen Silvesternacht noch sehr „beansprucht“, wanderten wir zu acht über den Wiener Zentralfriedhof, um Falco ein frohes neues Jahr zu wünschen.

Diese „Beanspruchung“ drückte sich hauptsächlich durch eine seltsame, kollektive Form eines organischen Psychosyndroms aus, zeigte sich also in Störungen des Bewusstseins, der Wahrnehmung und des Denkens. Wir waren sehr laut, stellten uns gegenseitig die wackligen Beine und lahmten über den Friedhof, die Wiesen waren schneebetupft und natürlich ging auch ein Wind. Zu unserer Rechten zog sich über hunderte Meter der Babyfriedhof entlang. Dahinter lag endlich die abgegrenzte Abteilung der „Gruppe 40“ mit dem Grab Falcos, das ich mit dem Architekten Felix Werner, der neben mir herderilierte, schon im Frühjahr 2014 besucht hatte.

Als wir kamen, gingen viele der Friedhofstouristen und manche raunten dabei „Leute, Leute, Leute“ oder ähnliches, aber es war uns schon lange egal, was andere über uns dachten. Wir versammelten uns um Falcos Grab und schauten es uns an. Als Katholik wenigstens ein bisschen an Andacht gewöhnt, musste ich den Kopf über meine Gefährten schütteln, die sich, selbst im eisigsten Wind und zum erhabensten Zeitpunkt, ihre ketzerischen Seelen aus dem Leibe witzelten.

Die Betitelung des Bildes von Falcos Grab auf Wikipedia ist fehlerhaft, weil sie dem Bild nicht entspricht. Dort steht: „Falcos Grab auf dem Wiener Zentralfriedhof im Jahr 2006.“ Ist falsch. Man sieht dort zwar dieses megalomanische Gebilde fast in voller Gänze, nämlich auf der rechten Seite einen kleinen abgekanteten Granitstein, unter dem Hans Hölzel begraben liegt, also der Bürger, der Mensch hinter „Falco“. Man sieht einen ähnlichen Stein noch einmal umgestürzt am Boden liegen, wie er mit dem stehenden Grabstein einen rechten Winkel bildet, und dann, zwischen einem Obelisken mit dem serifenfreien und in Blockschrift versilberten Namen FALCO, steht dort noch ein Viertel einer Plexiglas-Schallplatte, auf deren Rand nicht nur Falcos größte Hits („Out of the Dark“, „Rock Me Amadeus“, „Der Komissar“, „Jeanny“, „Junge Römer“ und „Ganz Wien“) eingraviert sind, sondern in deren Zentrum auch er selbst, ebenholzgesichtig und mit Nosferatu-Umhang, schwarz glänzt. Und endgültig ist auf dem Wiki-Bild des Jahres „2006“ der Grabstein seiner Mutter zu sehen, die 2006 allerdings noch am Leben war und erst seit 2014 unter einem relativ normalen Grabstein mit der Aufschrift „Mama“ dort ihre Ruhe gefunden hatte.

Man kann ja wirklich schlecht sagen, wer für solche seltsamen Objektkonstellation verantwortlich ist, wenn man berühmt ist und dann urplötzlich bei einem Autounfall in der Dominikanischen Republik stirbt. Dann muss ja letztendlich dieses Grab von der Stadt Wien oder dem Land Österreich ehrenhalber errichtet worden sein, nicht? Aber warum so irre? Hätte dieses Grab Töne von sich gegeben, wären wir nicht lange geblieben, es hätte sich nämlich so angehört: „ÖRGL ÖRGL ÖRGL, Acccccch, RGLRGL…“

Egal, wir haben Fotos von diesem Grab gemacht und Charlotte Krafft, die junge Schriftstellerin, hat dann ihr Handy im Bus, ungefähr auf Höhe der Fickeysstraße (Simmering), wo wir uns halt mal wieder nicht beherrschen konnten und vor Lachen schütteln mussten, da hat sie das verloren und deshalb habe ich nur ein Bild von 2014, als der Architekt F. Werner und ich mal hier waren und das Wetter viel besser ausgeschaut hatte.

F. Werner – Paranormalitätsskeptiker

Dann gerade noch schnell rüber zu Udo Jürgens.

Der war nun, sogar im Vergleich zu Falco, jetzt mal wirklich nicht zu übersehen. Hier lagen nämlich noch allerlei Blumen zum ersten Todestag herum und während das pompöse Falco-Grab auch irgendwie zu Falco passte, wäre das Mausoleum, in dem Udo Jürgens seine letzte Ruhe finden sollte, von meiner Tante, die Pompöses stets mit „Weg mit dem Mensch“ quittiert, genau mit diesen Worten bedacht worden.

Vor uns stand ein tonnenschwerer Marmorflügel. Mit einem Tuch bedeckt und vorne, auf der Front des Flügels, hatte jemand Udo Jürgens Unterschrift in Messing, Kupfer oder Bronze imitiert, oder was weiß ich. Wer allein kommt auf die Idee, dass der in diesem Marmorflügel in einer Urne ruhende Komponist draußen sein eigenes Grab quasi signieren sollte, oder was geht ab?

Generell war auch hier wieder alles sehr überladen. Vor dem Marmor-Tasteninstrument war noch eine kleine Gedenkplatte mit Udo Jürgens-Zitat angebracht, die vor Rosen und Bären überquoll. Dabei hatte man rechts vom Flügel extra eine Edelstahlpfanne aufgestellt, auf der die Fans dieses Zeug abzulegen hatten. Außerdem gab es dann, ein Stück nach hinten versetzt, noch einen Grabstein (wer auch immer den da zusätzlich hinstellen liess) auf dem man mehrere Kränze niedergelegt hatte, unter anderem lag dort ein Kranz mit der Aufschrift „Lieber Udo, in ewiger Dankbarkeit und in stiller Andacht – GEMA“. Ich scherze nicht. Und meine Freunde, die nicht mehr so schrill waren wie bei Falco, zeigten nun wirklich ein wenig Pietät, weil sie Angst hatten auf Udo Jürgens zu stehen, weil man wirklich nicht mehr wusste wohin vor lauter Tafeln und Platten und Edelstahlpfannen und Zeugs.

Als wir danach durch die verwucherten Gärten des jüdischen Friedhofs schlichen, konnte ich nicht im geringsten sagen, was das alles zu bedeuten hatte. Ich dachte viel nach. Was hatte es nur mit der Natur des Menschen auf sich? Sollte man Plessners Theorie der exzentrischen Positionalität wirklich Glauben schenken? Und so weiter.

Ein paar Stunden später setzten wir uns an diesem Neujahrstag in Wien in eine Restauration, tranken weißen Spritzer und führten konspirativ anmutende Gespräche über die Anthropologie, die „Natur des Menschen“ und Paranormalität. Ich kam dabei auch auf unsere Friedhofserlebnisse des Frühjahrs 2014 in Bratislava zu sprechen und schaute mir dabei den Kulturwissenschaftler Erik Hanzlicek ganz genau an, der damals nicht hatte verstehen können, wie die Filmemacherin Maria Neheimer und ich, dort auf einem Friedhof Bäume umarmen konnten. Vor allem weil wir uns anschließend komisch fühlten und dann plötzlich die Gangschaltung meines Autos nicht mehr funktionierte usw. usf. Aber war nicht Hanzlicek heute derjenige gewesen, der sich auf Falcos Grabstein abgestützt hatte? Leider ist auch dieses Foto auf Höhe der Fickeysstraße verschollen. Ein Stein lebt zwar nicht wie ein Baum, vielleicht hatte aber diesmal der junge Kulturwissenschaftler als Blitzableiter für eine Seele gedient, aber für die Seele eines Weltstars. Jetzt konnte er eigentlich nur noch zweierlei tun: Entweder, wie wir damals, möglichst schnell Stadt und Land verlassen, oder er würde eben hier bleiben und anfangen zu singen.

Wen hat Falcos Geist an diesem ersten Nachmittag des Jahres berührt? Niemanden, beschlossen wir. Und dann fragten wir uns, konnte Udo Jürgens aus seinem Monumentflügel überhaupt fliehen, wenn er noch nicht geflohen war? Abendliche Gespräche. (V.l.n.r.: Hanzlicek, Krafft, Klee, Hieronymi, Werner.)

Naja, jetzt werden viele sagen „Wo ist denn der Haken?“, aber es gibt Geschichten, die haben keinen, da ist am Ende dann einfach Schluss. Aber wer auch Teil 1 gelesen hat, wird schon viel nachdenken müssen.