DUMBKOPF! DON´T YOU KNOW ANYTHING ABOUT HUMAN NATURE??

Robert Crumb

Frühjahr 2014


In der slowakischen Hauptstadt Bratislava brach wenige Stunden vor unserer Ankunft ein erstaunlich warmer Frühlingstag mit Sonne und aussagekräftigem Knospenwachstum an.

Wir saßen im Auto und waren auf dem Weg dorthin und hatten auf Höhe des Döblinger Gürtels, trotz der inzwischen schon zehnminütigen Fahrt, immer noch alle Fenster geöffnet. In Wien herrschten nämlich ebenfalls unglaublichste Temperaturen und wildes Vegetieren samt frühem Pollenflug.

Die Strecke zwischen den beiden Hauptstädten ist sehr gering und mit dem Auto in weniger als einer Stunde zu schaffen. Trotzdem hat Niki Laudas Airline „Niki Luftfahrt“, deren Fregatte unter anderem nach Musikrichtungen benannt ist (fliegt man zum Beispiel mit dem Airbus A321-200, befindet man sich in einem Flugzeug, das den Namen „Heavy Metal“ trägt), diese Fluggesellschaft hat also erst ein Jahr nach diesem hier beschilderten Erlebnis – im Frühjahr 2015 – seine Pläne begraben, die Strecke Wien – Bratislava (Bratislava – Wien) mit dem Flugzeug zu betreiben.

Für uns jedenfalls verging die Zeit im Auto wie im Flug. Vor allem, weil sich unter meinen Mitfahrern ein Ausnahmetalent des jungen deutschen Filmemachens, Maria Neheimer, sowie der junge Kulturwissenschaftler Erik Hanzlicek befanden, zwei – man muss es sagen – nonchalante, amüsante und sich amüsierende Reisebegleiter.

Es geschah eigentlich nichts anderes auf dieser Strecke, als dass Maria Neheimer ein Experimentalvideo mit ihrem Handy drehte, das, neben ein paar Windrädern, den jungen Hanzlicek beim Überfliegen der damals aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Trucker“, dem, sagen wir mal, deutschen Pendant des nordamerikanischen Fernfahrer-Hochglanzfachblatts „Overdrive“ zeigte (falls das jemandem ein Begriff sein sollte).

Kulturwissenschaftler mit Fernfahrerzeitschrift. Die Mütze, die er trägt, ist ein sich stets im Auto befindliches Utensil, das im kreischenden Blaulicht nahender Polizeikontrollen aufgesetzt werden kann, um harmlos vergreist zu wirken.

Wir parkten unser Auto vor der ägyptischen Botschaft (oder so. Wir betrachten uns nicht als versierte Vexillologen) und schlichen durch die, wie gesagt, recht frühlingshafte Stadt, in der uns aber eigentlich gar nichts richtig packte, bis auf eine kleine Kneipe unterhalb irgendeines Stadttores, auf deren Sonnenterrasse eine Art sächsisches gusseisernes Falkonett aus dem siebzehnten Jahrhundert stand. Also ein relativ altes Geschütz, das die ganze Zeit auf die italienischen, österreichischen und japanischen Touristen zielte.

Nach anständigem Flanieren durch das Städtchen, beschlossen wir in der Abenddämmerung einen kleinen Absacker in einem Café in der Nähe des Autos einzunehmen und dann nach Wien abzuhauen. Auf dem Weg dorthin wurden wir plötzlich mit einer knackigen Multiple Choice-Frage konfrontiert.

 

Wir einigten uns einstimmig auf „Sexual“ und setzten unseren Weg fort.

Im Café versuchten wir möglichst leise deutsch zu sprechen, weil das dem Kulturwissenschaftler irgendwie peinlich war und nach einer Runde Käsetoasts mit Ketchup begann der gruselige Teil des Tages.

Die Sonne war unten, die Rechnung beglichen, und wir fröstelten leicht. Aus dem Café austretend bemerkten wir sofort die Stille, obwohl es um uns herum vor Polizisten wimmelte und Blaulicht die abgesperrte Straße in Richtung ägyptischer Botschaft in einen Surftube verwandelte.

Wir wurden umgeleitet in eine grüne Parallelstraße, einen Hügel hinauf. Trotz der Entfernung zum Tatort leuchteten die Baumkronen um uns herum, die durch das Blau in amorphe Oberflächen verwandelt wurden. Himmelwärts schauend gerieten wir an ein Friedhofstor. Dieser Friedhof lag an einer ansteigenden Straßen, man konnte in das unter uns gelegenes Häuserwirrwarr der Stadt schauen. Weil keiner von uns redete, hörten wir den leisen Polizeifunk hinter den Mauern des Friedhofs und zwischen köterhohen Büschen und Bäumen, die nicht in tierischen Größen umschrieben werden konnten, war wirklich alles – wie sagt man doch gleich – zaubrisch verworren.

Auf die verwitterten Grabsteine warfen Straßenlaternen verrückt gewordenes Licht und man fühlte sich heimelig. Nein, doch, es war ein schöner Ort. Stand man in der Mitte des Geländes, konnte man auf allen Seiten die eingrenzende Mauer sehen, hinter denen sich gelbe Hausfassaden auftaten. Die Toten lagen hier schon lange, man musste sich wundern und überlegen, ob es überhaupt Familien gab, die hier noch ihre Verwandtschaft besuchten. Keine Spur von immateriellem Flattern. Dieser Friedhof schien für immer sich selbst überlassen worden zu sein.

Am Rand des Weges zwischen den Grabsteinreihen schossen knorrige alte Bäume in die Höhe und bildeten ein fast lückenloses Dach. Trotz des Frühlings und der erwähnten frühen Verknospung, konnte der Mond noch ein wenig zwischen dem Geäst hervorschauen. Er schimmerte an diesem frühen Abend so hell, als käme er gerade frisch aus der Dusche, unter der ihn jemand liebevoll mit einem griechischen Badeschwamm abgeschubbert hatte.

Lücken und Mond

Die Stimmung war also weder spirituell noch unangenehm, die Luft war frisch und klar und erst als wir plötzlich einen Polizisten mit einer Taschenlampe in der Nähe der Friedhofsmauer sahen, fragten wir uns endgültig: Was soll das denn?

Gefangen zwischen dem wohligen Gefühl, das die Lichter auslösten und dem mulmigen Gefühl, das von der Mördersuche ausging, fühlten sich die junge Regisseurin und ich von einem besonders starken Baum angezogen und umarmten ihn von beiden Seiten. Der Kulturwissenschaftler stand stumm daneben und betrachtete uns.

Wir umarmten den Baum nicht lange und sofort nach dem Beenden der Umklammerung fragte ich mich, wieso das passiert war. Ich hatte vorher noch nie bewusst Bäume umarmt und kannte diese Geste auch nur aus der Waldjugend, der ich mich, während meiner Grundschuljahre, bestimmt zwei oder drei Jahre angeschlossen hatte.

Dass sich ja die Bäume von Seelenresten ernähren würden und nur darauf warteten, dass jemand in deren Nähe kommt, um sich an sie zu heften, das wüsste man ja, sagte plötzlich der Kulturwissenschaftler und versetzte uns dadurch alle beim Verlassen des Friedhofs in leichte Angstzustände. Daran hatten wir nicht gedacht. Als wir die Straße vorm Friedhof betraten und zum Auto gingen, waren wir sehr ruhig.

Im Auto zeigte plötzlich die Gangschaltung nicht den üblichen Widerstand und rutschte hin und her, in jeden ihr gerade passenden Gang, so dass man einiges an Fingerspitzengefühl beim Schalten zeigen musste.Wieder sagte der junge Kulturwissenschaftler, dass er nicht glauben könnte, dass wir diesen Baum umarmt hätten. Hinten saß er, mit offenem Mund. Die Filmemacherin senkte den Kopf. Was war denn plötzlich los mit allen? Und da dachte ich zum ersten Mal, dass sich etwas Übersinnliches im Schaltknüppel meines Autos verfangen haben musste. Der Steuerknüppel war das erste, was ich festhielt, nachdem ich den Seelenbaum umarmt hatte.

Tiefliegende Augen schauten vom Balkon der ägyptischen Botschaft zu uns ins Auto und betrachteten meine wilden Schaltbewegungen. Ganz leise zu mir selbst sagte ich immer wieder: „Was ist denn passiert, es stand doch hier nur. Und jetzt? Jetzt soll eine Seele in mein Auto gefahren sein?“ Keiner achtete auf meine Worte, weil jeder an das dachte, was eventuell passiert war, aber unsichtbar blieb.

Ich startete den Motor, kurvte langsam die Hänge hinab, am Friedhof vorbei, und an den Polizisten, die sich wie in Zeitlupe bewegten. Ich dachte dann, auf dem Parkplatz eines BILLA-Supermarkts in der Innenstadt Bratislavas, die ganze Zeit über an die Bäume des Friedhofs und wusste plötzlich, dass ich jetzt sehr aufmerksam und vorsichtig nach Wien zurückfahren musste und das alles gut sein würde, wenn wir die Grenze nach Österreich passieren würden.

Und obwohl meine Mitreisenden im Supermarkt waren, ging ein raunendes „Genau“ in Tonlage ihrer beiden Stimmen durch meinen Kopf.

Aber auch heute noch können wir das Gefühl nicht beschreiben, das uns über eine gewissen Zeit hinweg verfolgte, ungefähr bis zum Ausgang der Stadt. Und das erst auf der Autobahn zwischen Bratislava und Wien gänzlich verflog.