Sie behandeln mich gut. Man hatte mich ja damals sogar noch einmal gefragt, ob ich mitkommen wollte. Ich wurde nicht gezwungen. Alles in Ordnung, hatte ich ihnen gesagt und jetzt bin ich hier.

Im unteren Tal ist es nicht mehr so kalt wie oben am Staudamm. Dort ist es wie in Aspen, in Colorado, denke ich oft. Hauchfeiner Schnee liegt jeden Morgen auf der Straße. Über der Stadt hängen die Berge an Wolkenketten und nachts braucht man die Straßenlaternen nicht.

Mein bester Freund hier heißt Carlo. Ich weiß nicht, wo er herkommt. Er hat es mir nicht gesagt, er ist überhaupt sehr still und will nur selten reden. Einmal haben wir uns geküsst, aber das war am Anfang. Ich glaube, dass er ein sehr strenger Mensch ist. Er ist, wie ich, hauptsächlich für die Generatoren zuständig.

Carlo und ich wohnen, zusammen mit drei anderen Technikern, in einer großen Wohnung, die nur aus Glas und Douglasie besteht. Wir stehen oft auf dem Balkon und schauen auf die Straßen. Carlo und die anderen trinken nach Feierabend immer Schnick-Bier, das schmeckt ihnen. Mir schmeckt es nicht gut, ich bin oft so müde, dass es gar nicht mehr geht. Es ist schon ok, aber manchmal muss ich auch ein bisschen…nein, es ist egal.

Aber man kennt das hier nicht, Skifahren. Und wenn ich nicht träume, liege ich nachts wach und wenn ich die Augen dabei auf habe, sehe ich in der Ferne Kater in den Himmel steigen. Kater sind Tankraketen. Es wird dann nur ein bisschen heller im Schlafzimmer. Wenn man einen leichten Schlaf hat, reicht es trotzdem, um wach zu werden. Sie sind auch nicht schnell, die Kater. Sagen wir, sie bewegen sich am Horizont wie eine Straßenbahn in einer hellen Stadt.

Manchmal liege ich so lange wach und betrachte die Kater, bis mich morgens der übliche Weckruf erreicht: Guten Morgen, hier spricht Professor R. J. Arboria. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Arbeitstag.

Anfangs quälte ich mich noch aus dem Bett, inzwischen gehe ich sehr gerne ins Gebirge. Man hat hier künstliche Palmen gepflanzt und ich muss, auch jetzt noch, immer über sie Lachen im Vorbeigehen. Ein Bus bringt uns hinauf und an besonders kalten Tagen fährt noch ein Ersatzbus neben uns her, der im Falle eines Falles direkt weiterfahren kann, ohne dass wir uns länger im Kalten aufhalten müssten. Wäre ja nicht auszudenken, was bei plötzlich auftauchenden Kobaltstürmen passieren würde.

Das größte Ereignis im ersten Jahr hatte mit Carlo zu tun. Carlo hatte sich irgendwann einen krüppligen Aristokraten zum Feind gemacht, dessen Name ich nicht aussprechen konnte. Er arbeitete mit uns in den Räumen, in denen die Generatoren stehen. Ich wusste nicht warum, aber die beiden hassten sich von Beginn an, und zwar auf eine mir unbegreifliche Art und Weise. Sie beleidigten sich, sie klauten einander Dinge und manchmal gerieten sie derart aneinander, dass es mir Angst und Bange wurde, aber ich wusste nicht wirklich, was dahinter steckte. Der Aristokrat war sehr bleich.

An einem freien Tag nahm mich Carlo mit in die Wälder am Fuße des Staudamms. Es schüttelte uns beide vor Kälte und ich war kurz davor ihn zu bitten umzukehren, aber ich dachte, dass Carlo mich wegen etwas Besonderem hierher gelockt hatte, mich vielleicht etwas fragen wollen würde. Aber er war die ganze Zeit über stumm und zog die Augenbrauen tief über die vom Wind hartgefrorenen Tränen. An einem großen Baum blieb er stehen, drehte sich zu mir um und sagte, dass er den bleichen Aristokraten umbringen wollte.

Über der Baumgrenze am Mt. Feth Tulkaham lag zittriger Kobaltschimmer in der Luft und schien näher zu kommen. Ich kannte Kobaltstürme vorher nicht.

Wir gingen weiter und wir gingen höher, es war nicht ganz leicht. Carlo schaute verbittert und der Schimmer kam näher. Bald hatten wir den Gipfel erreicht, aber ich fror stark. Die Natur verzog keine Miene, das tut sie hier nie. Wir hörten Explosionen, Lawinen, drüben im Tal bei Tanklam. Das Gute war, wir redeten nicht mehr miteinander über den Aristokraten.

Zwei Wochen später stand ich auf der Mauer des Staudamms und schaute hinüber auf das gestaute Wasser, auf dem Eisschollen schwammen. Eine Wolke aus Schnee tat sich in meinem rechten Blickfeld auf und ich ging in das kleine Kontrollhäuschen, um das Fernglas zu holen.

In einiger Entfernung sah ich am zugefrorenen Ufer den Aristokraten mit Carlo kämpfen. Noch nie in meinem Leben hatte ich einen so unerbittlichen und widerwärtigen Kampf gesehen. Carlo und der Adelige hatten Schraubenzieher an große Äste befestigt und gingen damit aufeinander los. Ich konnte erkennen, wie der Aristokrat rückwärts lief, um Anlauf zu nehmen. Er bohrte Carlo den Schraubenzieher ins Gesicht. Dem Carlo fielen Zähne aus dem Mund. Ich konnte ihn schreien hören. Die Wut trieb beide weiter voran, aber vor allem der Adelige landete empfindliche Treffer, bald war Carlo auf den Knien. Ich sah blutende Stellen überall in seinem Gesicht. Carlo wird abgeschlachtet, dachte ich stoisch, weil ich wütend war. Aber der Kampf war noch nicht zu Ende, die Sonne brach durch die dünne Wolkendecke und die Spitzen der Schraubenzieher blitzten im Sonnenschein. Der Schnee auf den Schollen begann im Licht zu glitzern und mir fiel es schwer die beiden weiter durch das Fernglas zu beobachten. Ich hörte Schreie nur noch.

Als ich wenig später am Ort des Geschehens ankam, stach Carlo noch immer mit dem Schraubenzieher in den sich windenden Aristokraten. Es war ein schrecklicher Anblick. Ich beruhigte Carlo und wir brachten den verstümmelten Leib auf die Krankenstation, wo er kurz darauf starb oder nach Hause gebracht wurde, wir wussten es nicht, jedenfalls blieb er für immer verschwunden. Für immer und immer, immer.

In der Nacht, die auf den Eisschollenkampf folgte, las ich, im Licht der aufsteigenden Kater, Carlos Eintragungen im Portokaster. Er hatte es mir erlaubt. Seitdem weiß ich, dass er an etwas Größerem arbeitet.

Er nennt es den Sultan.

Das also war das wichtigste Ereignis im ersten Jahr. Und in dieser ahnungsvollen Zeit erstarb auch das Lachen, selbst das Gezwungene.

 

Dieser Text ist in der sechzehnten Ausgabe des Magazins ABWÄRTS! (September 2016) erschienen.