Eine Verspätung mit der Deutschen Bahn

Immer wieder erkenne ich in witzigen deutschen Magazinen, Tageszeitungen und Büchern, wie viel Verzweiflung doch in Texten über die Deutsche Bahn steckt. Wie viel Wut und Ängstlichkeit. Es ist eigentlich sehr erschreckend und jedes Mal ist es mir peinlich. Ich kann nicht lachen. Fahrten mit der Bahn sind nicht komisch. Sie dienen nur einem Zweck: Der schnellen, sicheren und bequemen Fortbewegung. Nichts daran ist kultig, auch wenn die Deutsche Bahn immer wieder versucht ihre Unzulänglichkeiten zum Kult zu machen. Es ist die in Deutschland, auf müffelnde Art und Weise, spießigste und klassischste Art der Fortbewegung. Die Bahn ist das hinter Auto und Flugzeuge stattfindende, nicht anzuzweifelnde, langweiligste Gefährt!

Irgendwann nach Weihnachten war es, da traf ich im Abteil direkt hinter dem Speisewagen, das nur für Premium-Card-Holder oder Bahn-Comfort-Kunden reserviert war, meinen guten Freund, den sehr guten Architekten Felix Werner, der mir schon aus der Ferne mit einem Whiskeyglas zuprostete. Was eine Perversität, dachte ich, dass er mir hier mit seinem Gläschen zunickt und mir einen Platz freihält, während hunderte Menschen auf den Gängen stehen und nicht wissen wohin! Aber ich war froh, denn der Zug hatte eine gute Stunde Verspätung und ich war schon ganz ungeduldig. Eine Stunde warten wegen des bisschen Schneetreibens, das kann doch nicht sein, dachten sich die Nörgler auf den Gängen, wurden aber wenig später eines besseren belehrt, als herauskam, dass der Zug in einem Tunnel vor Stuttgart Teile verloren hatte.

Darauf stieß ich mit Werner an, der noch ein Whiskeyglas für mich eingesteckt hatte, und wir überlegten zusammen, was wohl in diesem mysteriösen Tunnel vor Stuttgart verloren gegangen sein könnte und ob nicht vielleicht eine Bedienung des Bordrestaurants bei einer heimlichen Raucherpause durch irgendwelche Über- und Unterdrucke ihrer Uniform entledigt wurde? Bestanden die „Teile“, von denen jeder sprach und sich fürchtete, letzten Endes vielleicht nur aus einer einfachen Bordrestaurant-Tracht? Wir mutmaßten nur, weil keiner etwas sagte. Wir vermuteten aber auch, dass keiner etwas wusste.

Um unserer wohl korrekten Vermutung über die Uniform der Dame im Bordrestaurant zu folgen, hatten wir auch gleich einen guten Grund dort einmal nachzuschauen, um ein Bier zu trinken. Und als wir am Tisch saßen, da sahen wir es tatsächlich.

„Eine gewisse Veränderung“, meinte Werner vorsichtig und betrachtete die Bedienung am nächsten Tisch mit Skepsis, „eine gewisse Veränderung scheint sie gegenüber den anderen Bedienungen, die ich sonst hier sehe, aufzuweisen.“

„Sie hat irgendetwas in diesem Tunnel vor Stuttgart verloren! Sie erfüllt ihre Uniformität nicht mehr!“, verlieh ich seinen zaghaften Worten Nachdruck.

Und so scherzten wir auch noch, als sich eine junge Frau neben uns setzte, deren Haar noch nach dem Bratenfett eines wohl üppigen und ausschweifenden Weihnachtsfests roch. Da hatte ihr Vater wohl tranchiert und tranchiert und sie hatte beim Abladen der Fleischstücke auf die Teller der Familie nicht gemerkt, dass ihr Schopf in der Soße schwamm.

Sei´s drum – wir waren alle gut drauf.

Aber schon bald, nach einem Zwischenhalt in Kassel-Wilhelmshöhe, blieben wir in einem Tunnel stehen. Werner und ich schauten nach draußen. Wir wollten wissen, ob die Bedienung aus dem Restaurant versuchte dort eine neue Uniform zu finden. Aber es war zu dunkel dort im Tunnel. Wir wendeten uns wieder der jungen Frau zu, von der der anzügliche Bratenduft ausging. Aber diese schwang jetzt nur stöhnend ihr Haar über die Schultern zurück und an ihrem Blick konnten wir erkennen, dass sie nicht daran glaubte, dass es schnell weitergehen würde.

Für viele Gäste würde diese Fahrt zur Höllenfahrt werden

 

Ich befürchtete nun ebenfalls Schlimmstes und begab mich, nachdem ich der jungen Frau an unserem Tisch einen leidvollen Blick zugeworfen hatte, auf den kurzen Weg ins Bordbistro, um neue Nervennahrung zu kaufen. Im Restaurant wurde aus unerfindlichen Gründen der Betrieb nämlich gerade eingestellt.

Im Bistro wurde mir klar, dass diese Fahrt für die meisten der Gäste, vor allem für die mit den schlechten Nerven, zur Höllenfahrt werden würde.

Als mich nur noch zwei zänkische Kunden von der Bestellung trennten, wurde über alle Lautsprecher die wunderbare Botschaft verkündet, dass es ab jetzt Freigetränke geben würde. „Leider keine alkoholischen Getränke“, sagte man mir, weil man es mir schon ansah. Ich setzte mich also wieder zurück an unseren Tisch, an dem Werner plötzlich mit zwei jungen Frauen saß.

Auch die zweite hatte gute Laune. Der Architekt Werner und sie, die beiden kannten sich wohl. Sie habe extra ein Ticket für die 1. Klasse gekauft, aber das sei ja wohl hinfällig gewesen. Wir täten sie ja auch bemitleiden, sagten wir, aber sie schien wirklich kein Kind von Traurigkeit zu sein. Wir verstanden uns auf Anhieb ganz gut mit dieser neuen Reisebegleitung an unserem Tisch.

Allerdings saßen wir noch immer im Tunnel fest und nur langsam tröpfelten Neuigkeiten aus den Lautsprechern. Der Zugführer sei jetzt draußen unterwegs, um den Zug auf mögliche Schäden zu untersuchen, denn im Stuttgarter Tunnel habe man inzwischen tatsächlich Teile unserer Zuges gefunden.

Unsere Theorie über die Kellner-Uniform war also erstmal dahin. Es war für meinen starken Raucherfreund Werner auch nicht möglich zu rauchen, da wir mitten im Tunnel steckten. Nachdem er uns verlassen hatte, um es trotzdem zu versuchen, brach im Speisewagen die Anarchie aus. Ich hatte nämlich unsere neue Freundin dazu angeleitet aus einem Kasten Bier, der unbewacht in der Nähe der Tür der ICE-Kombüse stand, für jeden von uns eine Flasche zu klauen. Nachdem sie diese Aufgabe aber so leicht gelöst hatte, schlichen jetzt, hintereinander weg, auch andere kühne Gäste zum Kasten, um sich zu bedienen – und bald darauf war er leer. Mir war ganz unverständlich, wie die Leute hier wie die Raben zu klauen begannen. Die sich langsam anschleichende anarchische Stimmung wurde zweifelsohne von den untragbaren Umständen ausgelöst. Das merkten auch die Mitarbeiter der Bahn, die sich langsam zurückzogen, da die Stimmung zu kochen begann.

In Schrittgeschwindigkeit fuhren wir zurück nach Kassel

 

Werner kam wieder und hatte immer noch Lungenschmacht. Aber nach zwei Stunden ging es endlich weiter. Wir waren darüber aufgeklärt worden, dass es in Schrittgeschwindigkeit zurück nach Kassel gehen würde. Vor allem den Gästen, die dort erst eingestiegen waren, trieb es die Zornesröte ins Gesicht.

Der ICE 598 war kaputt.

In Kassel-Wilhelmshöhe war der IC, den wir zur Weiterfahrt nach Hannover hätten nehmen sollen, so überfüllt, dass alle wieder rausgeschmissen wurden. Wir beschlossen daher eine Restauration in der Nähe in Augenschein zu nehmen. In dieser durften wir ohne Erlaubnis aber auch nichts tun, weil dort ein alberner Dart-Verein tagte. Ich konnte also weder mein Handy laden, noch wurde es uns erlaubt in der Nähe der Dart-Scheibe zu sitzen. Was da aber an Personen zum Dart-Abend zusammengerückt war, war wirklich der traurigste Dartspieler-Haufen ganz Hessens – ich brauche die gar nicht zu beschreiben.

Wir ließen mit unseren Verbalien eh bald von ihnen ab, denn innerhalb kürzester Zeit war unser Tisch besetzt mit Gestrandeten. Manche von ihnen tranken, ganz schnell hintereinander, mehrere Weizenbiere, um das alles zu ertragen. Wir waren schon vier Stunden hinter der Zeit. Einen jungen Mann hatten wir dazu auserkoren auf die Uhr zu achten. Irgendein – das erzählten sie uns – Ersatzzug war auf dem Weg.

Er hatte dann seinen Job ganz ordentlich gemacht, weil wir plötzlich pünktlich am Bahnsteig standen, mit zwei Tüten voller Dosenbier. Widerlichkeiten drohten uns also. Ob wir uns benehmen konnten?

Der nächste ICE war wieder hoffnungslos überfüllt, ihm folgte aber ein Geisterzug, in den wir einzusteigen hatten. In diesem Zug herrschte vollkommene Leere. Kein Personal begrüßte uns, Bistro sowie Restaurant waren geschlossen, die Toiletten zugestellt mit Farbeimern und Gerümpel. Ich nahm an, dass man kein Personal hatte auftreiben können, das es mit diesen wildgewordenen Fahrgästen zu tun haben wollte.

Wir waren beim Inspizieren des neuen Zugs nur noch zu fünft, während in der Kneipe mindestens ein Dutzend Leute mit uns am Tisch gesessen hatten. Wir brauchten aber trotzdem mindestens ein Viererabteil, am besten zwei, sonst würde die Gruppe komplett auseinander gerissen werden! Es gelang uns erst, an einer dreiköpfigen Familie vorbei zu rauschen und ein Abteil zu besetzen. Der hitzige Familienvater überholte aber den letzten von uns und besetzte den anliegenden Vierer. Seine Frau, feinfühlig wie sie wohl war, bemerkte allerdings, dass damit wir, die wir jetzt schon so gut befreundet und durch so vieles zusammen gegangen waren, nicht mehr gemeinsam sitzen konnten und bedeutete ihrem Mann mit einem fein gehauchten „ach…!“ und einem gütigen Blick auf uns, eine Sitzbank weiter zu ziehen. Aber der Vater kannte kein Erbarmen.

So beschlossen wir also, dass Werner eine Sitzbank weiter ziehen sollte. Ein Fehler, der dem Vater hätte bewusst sein müssen, denn das Krakeele, das kurze Zeit später durch den Zug pfiff, ging von Werner aus, der hinter seine Plastiklehne lautstark neue Biere forderte. Einmal versuchte er sogar den Platz des Vaters einzunehmen, als dieser auf der Toilette mit den Farbeimern und dem Bauschutt verschwunden war. Werner hatte es sogar fast geschafft der Mutter ein Bier anzudrehen, als der Vater zurückkam und es schrecklich was hinter die Ohren gab: „An ihrer Party möchte ich nicht teilnehmen!!!“ ließ dieser, mit einigem Nachdruck, uns wissen. Seine Frau verrollte die Augen – oh, die Nerven lagen schon blank! Inzwischen hatten wir bestimmt fünf Stunden Verspätung. Vor Mitternacht würden wir Berlin wohl kaum erreichen.

Jemand stellte ein Six-Pack auf den Tisch und verschwand

 

Dass wir eine Party feierten hatte sich inzwischen herumgesprochen und wortlos ließen sich Leute bei uns nieder, die wir schon im Tunnel hinter Kassel gesehen hatte. Einmal kam sogar jemand vorbei und stellte tonlos ein Six-Pack Bier auf unseren Tisch und verschwand wieder. Das war nun auch wieder toll und wundersam – aber wir ließen es uns gefallen.

Hinter Wolfsburg waren wir so blau und so sehr damit beschäftigt uns einigermaßen zu benehmen, dass es uns nicht gelang. Ich kann das, was dann geschah nur noch durch die Sichtung einer Videoaufnahme rekonstruieren. Auf dieser Aufnahme sehe ich das Folgende:

Ich sitze wohl und filme, während Werner zwei Reihen weiter, mit Zipfelmütze auf, über die Sitzreihen hinweg „Ey, Modersohnbrücke, geil ey!“ schreit. Irgendjemand im Abteil pfeift zustimmend. Vor mir sitzt kopfschüttelnd die junge Frau, die hinter Kassel meine Aufgabe des Bierklauens so gut gelöst hatte. Neben ihr kniet ein junger Mann auf dem Sitzpolster und schaut sich Werner an. Zwischen Werner und dem Knieenden sitzen zwei Amerikaner – ich erinnere mich – die sich tief über ihre Reiseführer neigen und später freuen sie sich, als wir sie zu einer Silvesterparty einladen; aufgetaucht sind sie nie. Irgendwo neben uns muss die junge Familie sitzen, aber ich traue mich wohl nicht nach drüben zu schwenken. Jedenfalls hat das Kind, glaube ich, ein Überraschungsei von uns geschenkt bekommen, man kann es nämlich johlen hören und es macht so ähnliche Geräusche wie „Prrrraaaau, PZZZZZT“. Von den Eltern ist auf der Aufnahme nichts zu hören. Ein wenig scheine ich dann die Kamera unter den Tisch zu halten, weil dann doch noch ein Mitarbeiter der Bahn auftaucht:

– So … bitte sehr … bitte ausfüllen, wenn Sie mögen.

– Was ist das denn?

– Eine Entschuldigung der Deutschen Bahn, wir schicken Ihnen ein kleines Geschenk für die Unannehmlichkeiten.

– Achso…was denn zum Beispiel?

– Na, ich habe mal jemanden kennengelernt, der hat eine hochwertige Schachtel Pralinen zugeschickt bekommen.

Dann hört man auf der Aufnahme nur noch ein großes Geraune. Die Aufnahme dauert so lange – ich muss wohl vergessen habe sie rechtzeitig zu stoppen – bis wir wohl schon durch Berlin fahren. Man kann irgendwas mit 290 Minuten Verspätung hören und immer mehr Leute laufen an der Kamera vorbei Richtung Ausgang. Als die Durchsage kommt, dass wir bald den letzten Halt „Berlin-Ostbahnhof“ erreichen, bricht die Aufnahme mit einem Seufzer ab.

So war sie, die Fahrt mit der Bahn. Natürlich war sie von Albernheiten geprägt, aber auch von Ängsten und Begierden. Und letzten Endes war sie doch eins nicht: komisch. Sie war geprägt von Zusammenhalt, Verständnis und Familiarität. Und es war zum ersten mal, für alle, nicht schlimm zu spät zu kommen. Vor allem weil es zwei Wochen später Pralinen regnete.