1. IFA

Ich bin seit 1985 Mitglied bei der IFA, der Internationalen Flugambulanz. Meine Mutter hatte damals in weiser Voraussicht eine Zusatzoption unterschrieben, die ihre Kinder mitversicherte, oder Kinder waren generell mitversichert, ich weiß es nicht. Jedenfalls bin ich länger Mitglied bei der IFA, als ich auf der Welt bin und habe das Mitgliedskärtchen im Portemonnaie stecken, da wo es hingehört, weil dir kein Mensch glaubt, dass du IFA-Mitglied bist, wenn du das Kärtchen nicht dabei hast. Ich habe es aber bis heute nicht gebraucht, und warum ich den Text so anfange, weiß ich auch nicht, jedenfalls wird es am Ende keine Kurve geben und ich werde nicht zur IFA zurückkehren, ich wollte nur sagen, dass es sich gut anfühlt Mitglied der IFA zu sein, aber besser anfühlt, ihre Hilfe nicht in Anspruch nehmen zu müssen.

 

2. Fire

Ein Sommerabend, ich war Anfang zwanzig und machte mir Sorgen um meinen nicht abklingenden Husten. Der Arzt hatte mir leichte Pillen verschrieben, aber ich sagte ihm, dass ich noch nie wegen Husten einen Arzt aufgesucht hätte, dort also etwas im Argen liegen musste.

Meine Freunde schlugen mir nach meinem Arztbesuch auf die Schultern und wussten, dass ich bis nächsten Freitag wieder fit werden würde. Unsere Reise nach Prag – in den Osten – (zu Onkel Hajo) stand kurz bevor. Meine Kehle brannte und es war kein Gegenmittel in Sicht.

Besagter Freitag kam und in der Nacht zuvor war ich an meinem Husten fast erstickt. Er war viel schlimmer geworden und hörte sich an wie die Maschinengewehre in Batman-Comics: Brakabrakabraka!!!

Ich stand mit gepackten Taschen vor dem alten Ford, mit dem mich meine Freunde abholten und wusste nicht recht genau, was zu tun war: Schwanz einziehen oder die bittere Pille schlucken?

Ich könne nicht mit, versicherte ich ihnen (ich beschloss also den Schwanz einzuziehen), aber sie lachten nur und freuten sich mich zu sehen und deshalb ließ ich mich von ihrer Laune anstecken, sprang ins Auto und schon fuhren wir nach Prag.

Erst Wochen später sollte ich erfahren, dass ich zu der Zeit Keuchhusten hatte.

 

3. Onkel Hajo

Mir ging es nicht gut, aber es war ein Tag mit blauen Augen und ich fühlte mich trotz zerschossener Kehle dann ein wenig befreit, als wir die tschechische Grenze erreichten. Im Auto waren auch alle am jubeln, es war hell und grün. Ich versuchte nicht zu husten, um meine Freunde nicht zu beunruhigen. Wenn ich einmal hustete, hustete ich lange und es klang nicht mehr nach Batman, sondern nach einer elektronischen Saftpresse.

Wir wollten in Prag Onkel Hajo treffen. Als wir ankamen, war er nicht da, niemand war da, aber man hatte uns gesagt wo der Schlüssel lag, also stellten wir die Sachen ab und gingen in die Prager Altstadt.

Rund um Mitternacht tauchte Hajo mit seiner scharfen Frau auf. Er hatte hellblonde Locken und trug einen Schlangenledermantel und wir drehten uns zueinander um; die Münder stumm zwar, aber freudig aufgerissen bei diesem wilden Auftritt. Ich dachte an nichts. Endlich!

Nur wenig später saßen wir im Taxi zurück zu Hajos Haus. Einer meine Freunde fasste Hajos Frau ans Bein und es gab Ärger, aber alles beruhigte sich auch schnell wieder. Wir bezogen im Haus die Kinderzimmer (die Kinder waren nicht da, und keiner fragte nach ihnen). Dann setzten wir uns gemeinsam ins Musikzimmer, rauchten und hörten Tschaikowsky.

Onkel Hajo zog seinen Schlangenledermantel nicht aus. Er wurde immer lauter und dann forderte er uns dazu auf, die Boxen aus den Fenstern des Musikzimmers in den Garten zu schleppen. Wenig später kam die Prager Polizei vorbei. Hajos Frau rettete alles und verjagte die Kerle – ich weiß nicht mehr, welche Farbe sie hatten (blau oder beige oder grün), es war ein einziges Zwielicht zu dieser Stunde.

Ich verfolgte das Geschehen um mich herum nicht allzu sehr. Ich war mehr damit beschäftigt, mir eine Atemtechnik anzulernen, mit der ich nachts über die Runden kam und nicht ersticken musste. Konnte ja gar nichts schiefgehen, dachte ich und schob mir noch eine Zigarette in das Loch, das ich beim Pfeifen immer mit meinen Lippen zu formen pflegte.

 

4. Zersplitterung der Zeit und Gruppe

Draußen begann es zu dämmern. An den Rändern des Gartens tauchten die Mauern der Nachbarn wieder auf. Der Morgen zerfaserte komplett.

Ich konnte mich noch an den Auftritt der Polizisten erinnern und dann daran, wie ich im Kinderzimmer zur Ruhe kam. Ich war umgeben von Wendy-Postern. Ich wusste, dass Hajo unten in seinem Eames Lounge Chair schlief, wusste aber nicht, wo seine Frau war, wusste nicht, wo der Großteil meiner Freunde war, ich hatte einen von ihnen kurz gesehen, im Kinderbett neben mir, aber beim erneuten Hinsehen in der Dämmerung, da lag da keiner mehr. Später sagten sie: Wir waren auf der Karlsbrücke, wir haben Pennern beim Kämpfen zugeschaut. Ihr Schweine, dachte ich. Ihr Schweine! Ohne mich!

Dann weckte mich ein grauenvoller Hustenanfall. Ich lief ins Bad und schaute mein Gesicht an, das sich völlig verkrampfte beim Versuch Luft zu holen. Ich hustete (braka-braka-braka), und dann, mit einem noch weit furchtbarerem Geräusch, holte ich Luft. Meine Überlebenstechnik kam immer beim Luftholen zum Einsatz, denn ich musste mit Nase und Mund gleichzeitig einatmen, damit genug unten in der Lunge ankam. Ohne diese Technik hätte ich angefangen zu hyperventilieren und dann wäre ich, mit den Armen rudernd, einem meiner nicht anwesenden Freunde vor die Füße gefallen. Und dort hätte ich mich in der Dämmerung und vor den ganzen Wendy-Postern furchtbar geängstigt, weil ich nicht zu Hause war (ich war zwar nicht weit weg, aber es reichte).

Mein Husten klang breiig, blutig, schleimig, ungesund. Durch den Garten quoll Musik, Hajo war wieder wach. Es lief alles immer im Wechsel: Mozart, Blues, ACDC, A-ha, Abba, Bernies Autobahn Band. Alle reichen Prager Häuschen wurden vom Sound vollgekleistert.

Ich konnte Hajo ein bisschen singen hören, bevor ich wieder einschlief.

 

5. Die Nacht der zweiten Explosion

Am nächsten Morgen erzählte ich keinem, dass ich im Wendy-Zimmer fast verreckt wäre. Alles war klar, der Tag hatte wieder blaue Augen, also warum sollte ich mich beschweren? Warum sollte ich allen auf den Geist gehen und ihnen die Laune verderben?

Wir liefen ein wenig durch Prag, ich erinnere mich an nichts. Die Hustenanfälle ließen tagsüber zwar nach, aber ich fürchtete mich vor der heranrückenden zweiten Nacht.

Gegen Abend wurden wir wieder laut, jemand holte am Kiosk frisch gezapftes Bier in fünf Liter Krügen. Wir setzten uns damit in den Garten. Hajos Frau blinzelte. Ein Freund blinzelte zurück. Aber Hajo war überlegen, niemand blinzelte mehr, wenn er an der Reihe war. Meine kranke Brust hob und senkte sich, ich trank kaltes Bier, betäubte mich und sah die Sterne im grünen Prager Himmel auftauchen. Danke, bald kommt die zweite Nacht, bald kommen die Explosionen aus meiner Lunge. Meine Güte, was war das nur?

Ich verabschiedete mich früh, lief ins Haus, alle rieben mir kurz meinen Hemds-Ärmel, dann ging ich ins Wendy-Zimmer. Vielleicht war es kurz vor Mitternacht.

BRAKABRAKABRAKABRAKABRAKABRAKA

UUUHHHHHCCCCCHHHH

BRAKRABRARRRKAAA

Tausende Explosionen ließen meine Lunge schmelzen.

 

6. Balaton

Wie verliessen Prag eilig. Immer noch blaue Augen. Ich war immer noch geschwächt, geschwächter noch als vor ein paar Tagen. Ich öffnete mein Portemonnaie und schaute mir darin die IFA-Mitgliedskarte an, als wir nach Ungarn rein rollten. Noch weiter weg!

Noch eine Nacht, dachte ich. Morgen habe ich Geburtstag und spätestens übermorgen hau ich hier ab, dachte ich. Überhaupt hatte ich viel nachzudenken, aber ich dachte immer nur an meinen Zustand und meine Flucht. Ich genoss nichts mehr. Ich hatte das Trinken und Rauchen aufgegeben. Ich konnte nichts tun. Ich hatte Schiss.

Ich musste inzwischen schon am frühen Abend anfangen zu würgen. Es war ein Horror und ich konnte ihn nicht mehr verheimlichen, langsam machten sich auch die anderen Sorgen.

Wir feierten im Coke-Club am Plattensee in meinen Geburtstag rein. Ich erinnere mich an nichts mehr. Wie alt wurde ich eigentlich? Ich trank dann doch. Später ging ich auf die Neon-Licht_Klos auf dem Campingplatz kotzen und Luft holen.

Am nächsten Morgen kaufte ich mir die Zeitung und schaute mir den Medaillenspiegel der Olympischen Spiele an. Alles zerfaserte immer mehr. Ich sagte den anderen, dass ich morgen abreisen würde, falls sich dieser Tag als genauso erbärmlich darstellen würde, wie der gestrige. Ein Geburtstag!

Nachts kotzte ich mir vor lauter Hustenkrämpfen leicht säuerlich über den Rücken.

„Julian, kannst du mich bitte nach Budapest fahren“, fragte ich in eines der dunklen Zelthöhlen hinein.

Zirpen, flattern und schnarchen.

Ich würde morgen noch mal fragen.

 

7. Finale dahoam

Dass ich nach Hause abhauen würde, war eine Entlastung für alle. Ich buchte nicht mit der IFA, ich nahm einen Zug in Budapest. Es dauerte ewig, bis mir die Frau am Schalter das Ticket geschrieben hatte. In Wien musste ich umsteigen. Franz-Josef. Ich schaute Wien nicht mit dem Arsch an, sondern rannte direkt und ohne Ticket zum nächsten Zug nach Frankfurt. Das Viererabteil war voll. Ich sagte brav „Guten Tag“ und hüstelte sachte. Dann musste ich ein Ticket kaufen, ich hatte Geld, nur Bares, aber es reichte nicht. Der Kontrolleur würde mich in Regensburg wecken, damit ich dort am Automaten die restlichen zwanzig Euro besorgen konnte. Aber er kam nicht und ließ mich schlafen.

Meine Eltern holten mich am Flughafen in Frankfurt ab, wo der Zug hielt.

Ein paar Wochen später hatten sie auch Keuchhusten.

 

8. Einzige Erinnerungen

Von dieser Reise gibt es drei Fotos zur Erinnerung. Alle zeigen uns, aber nur die nackten Oberkörper. Ich biege mich im Krampf. In unseren Gesichtern ist nichts zu lesen. Und deshalb bleibt im Hintergrund nur die Substanz des Kinderzimmers. Man kann auf den Postern und Büchern (die, die nicht auf tschechisch sind) folgendes erkennen:

Das große Wörterbuch der Bären

Mama Muh schaukelt

Kleines Schweinchen / Hallo Schiff Pyjamahose

Der Wettlauf zwischen Hase und Igel

Wie Noah die Tiere gerettet hat

Cinderella

Emma Watson