I


Wie immer saßen wir in Rom im Restaurant Il Pomodorino in der Via Campania. Ich trank dort, wie immer, das schlechte italienische Bier und wie immer bestellten wir sämtliche Antipasti-Gerichte auf der Speisekarte: Wir ließen weder die Carciofi alla romana aus, die Artischocken, noch die teuren Fettuccine al tartufo nero, die Bandnudeln mit Trüffeln. Man konnte in diesem Restaurant alles bestellen und alles schmeckte gut. Wie immer.

Mein Cousin Dino, um den es in diesem Bericht gehen wird, trank ganz kleine Schlucke aus einem Glas, das mit verdünntem Weißwein gefüllt war. Seine breiten Wangenknochen stachen weit aus dem Gesicht hervor, er war unrasiert und wie seit Geburt, für einen Italiener ja sehr unüblich, blond. Was aber an meiner Tante lag, die vor vielen Jahren ihre und meine Heimat „gen Italien“ verlassen hatte und hier Kinder bekam.

Sie saß mir gegenüber. Links von mir hatte außerdem meine Cousine Chiara Platz genommen. Sie war gut gelaunt, lächelte fein und zerbröselte Weißbrotscheiben auf die Tischdecke.

Unsere aufgeregten Stimmen ähnelten den Tönen der Zikaden, die hinter uns in den Zypressen saßen. Wir hatten uns lange nicht mehr gesehen und morgen würde Dino zum Ritter des Malteserordens geschlagen werden. Zum jüngsten römischen Ritter seit etlichen Jahrzehnten.

Die Leute im Restaurant schauten sich nach dem Gezwitscher und Getriller um, das von unserem Tisch ausging. Sie waren ebenfalls an den Geschichten Dinos interessiert, der uns viele, und vollkommen unbegreifliche, Dinge über seine Arbeit im Vatikan, das Leben in der römischen Kurie und seine Position im Souveränen Malteserorden erzählte. Er sprach italienisch. Schneller konnte er keine Sprache sprechen und meine Tante übersetzte. Trotzdem gab er sich Mühe, lehnte sich oft zu mir rüber und übersetzte eindringliche Dinge für mich persönlich. Alles blieb sehr geheimnisvoll.

„Du kannst dir nicht vorstellen, was im Vatikan passiert. So viel Lust und unterdrückte Erotik! Da falle ich manchmal vom Glauben ab, aber mit einem Schmunzeln. So wie die Welt untergeht, weißt du, not with a bang but a whimper. Du kennst doch T. S. Eliot“, fragte er mich und ich nickte und steckte beiläufig ein Artischockenherz in meinen Mund.

„Was mir immer wieder auffällt ist die seltsam latente Mischung aus Sex und Gewalt. Vor ein paar Jahren war ich dort gewesen, um über die Gestaltung eines Buchs für Papst Benedikt XVI. zu sprechen. Und auch in letzter Zeit kommt es nicht selten vor, dass ich in der Kurie zu Besuch bin.“

Was das eine mit dem anderen zu tun hatte, wusste ich nicht. Diese Aussagen meines Cousins machten mir sein sowieso schon geheimnisvolles Engagement im Vatikan nur noch unbegreiflicher. Als gebürtiger Römer ist es zwar nicht auszuschließen durch gewisse Kontakte irgendwann Zutritt zu diesen Kammern zu erlangen, aber er hatte ja keine Theologie studiert, um irgendwelche geistlichen Aufgaben dort zu übernehmen. Was wollte er also da, wenn er schon nicht dem Herrn dienen wollte? Es musste etwas anderes sein, das ihn faszinierte. Und das war wohl weniger der Glaube an sich und der Glaube an die katholische Kirche, als der Glaube an Macht.

Das Buch über Papst Benedikt XVI., von dem er sprach, hatte er vor ein paar Jahren in seinem Verlag D`Oro Collection herausgegeben. Diesen Verlag hatte sein Vater 1968 gegründet und zu seinen größten Kunden vergangener Jahre zählten amerikanische Präsidenten wie George Bush Jr. und Sr. und die Oberhäupter der katholischen Kirche. Über Inhalt und den endgültigen Preis der Bücher wird fast immer Stillschweigen vereinbart. Der Grundpreis für ein Buch liegt bei 12.500€, der kann aber schnell steigen, je nach Bedürfnis des Kunden. Der Wert eines Neuwagens also. Aber, und das ist die große Idee hinter D`Oro Collection, jedes einzelne Buch ist handgemacht. Der Buchrücken, die vergoldete Titelseite, alle Seiten aus Pergament. Es ist ein schweißtreibender Kampf gegen das Digitale und Virtuelle. Aber ein Kampf, der für die Unsterblichkeit des Kunden ausgetragen und immer gewonnen wird.

 

Ein Prachtband für Johannes Paul II.

 

 

Dass er aber nicht nur den von seinem Vater im Jahr 2002 übernommenen Verlag führte, sondern auch schon seit Jahren eine intensive Arbeit im Malteserorden leistete, das wusste ich erst seit kurzem. Der Malteserorden steht dem Vatikan als Ritterorden sehr nahe und schon sein Wahlspruch bringt eigentlich Licht ins Dunkel: „Bezeugung des Glaubens und Hilfe den Bedürftigen“. Der Malteserorden ist nicht nur Ritter- sondern auch kirchlicher Orden. Zudem ist er ein Völkerrechtssubjekt, also eine nichtstaatliche souveräne Macht, wie der Heilige Stuhl und hat deshalb auch seine eigene Verfassung. Hauptsächlich aber geht es dem Orden darum, junge Ritter und Menschen in ihrem Glauben zu stärken und ihnen gleichzeitig karitative Arbeit aufzuhalsen.

Also hatte mein Cousin jahrelang in Suppenküchen arbeiten müssen, um zum Devotions-Ritter geschlagen werden zu können. Der Devotions-Ritter gehört dem dritten Stand an und muss deshalb keine Keuschheitsgelübde und dergleichen ablegen. Trotzdem verpflichtet er sich gegenüber der Kirche und dem Orden zu Treue und Mithilfe.

Eigentlich sollte er sich über den endgültigen Schritt der Ritterschlagung freuen. Aber irgendetwas schien ihn zu beunruhigen. Ich sah es in seinen Augen. Auch wenn wir uns nicht oft trafen und höchstens einmal im Jahr in Rom oder in Deutschland zusammenkamen, kannte ich ihn so gut, um zu wissen, dass er nervös war. Und dann klärte er uns über seine Nervosität auf.

„Mir begegnet dort immer wieder ein Kardinal, der von allen Kardinal Jessica genannt wird. Er ist homosexuell. Ich bin ihm mehrere Male nur um Haaresbreite entkommen. Einmal hat er versucht mich in den Aufzug zu ziehen und bei jedem persönlichen Kontakt verfehlt er absichtlich mit einem sachten scusi meine Wange, um mich auf den Mund zu küssen. Die schwierige Situation, in der ich mich jetzt befinde, besteht darin, dass jeder Anwärter auf den Ritterstatus eine Waffenwacht abhalten muss. Wie Don Quixote im dritten Kapitel des Romans von Cervantes. Es handelt sich dabei um ein Gebet unbestimmter Länge, um ein „in-sich-gehen“ unbestimmter Zeit. Jedenfalls ist das immer nachts, immer in den dunklen und unterirdischen Kerkern des Vatikan und immer mit einem Kardinal als Aufsichtsperson.“

„Und wahrscheinlich hat Kardinal Jessica keine Kosten und Mühen gescheut, deine Aufsichtsperson zu werden“, vermutete ich und wusste es eigentlich schon.

Dino lachte nicht mit mir, sondern verschwand, um eine Bekannte in den Büros des Vatikan anzurufen, die versuchen sollte gegen die Wahl von Kardinal Jessica vorzugehen. Es waren nur noch wenige Stunden bis zum Gebet und er wollte sich nicht zwischen dem Verlust von entweder „Ehre oder Arsch“ entscheiden müssen.

 

II


Die Nacht der Waffenwacht verbrachte ich in der Wohnung meiner Cousine Chiara in der Via Appia Nuova und ich dachte in ihr – der Wohnung – ununterbrochen an meinen Cousin. Ich lag auf einer Couch unter dem Hochbett, draußen war der Lärm der großen Straße, die die Römer in die Campagna Romana brachte, in die Landschaft hinter Rom, die so sehr dem Mythos Arkadien entspricht.

Es war sehr heiß. Wenn ich die Augen öffnete, konnte ich hinter der Balkontür die Möwen im Licht der Strahler sehen, die die Hauswände beleuchteten. Über mir lagen im Hochbett meine Cousine und ihr Verlobter. Wir hatten zusammen noch ein wenig das italienische Unterhaltungsprogramm im Fernsehen geschaut, in dem ihr Verlobter oft als Entertainer und Tänzer auftrat. Der Apparat flimmerte immer noch, aber jetzt schienen sie zu schlafen. Irgendwie ließen diese ganzen Geschichten um ihren Bruder meine Cousine sehr kalt. Mit dieser Welt wollte sie nichts zu tun haben.

Am nächsten Morgen trank ich ein Bierchen auf dem Balkon – noch immer hatte ich nichts von Dino erfahren. Der Vormittag plätscherte dahin, die Glut der Straße stieg bis in den fünften Stock hinauf. Meine Tante kam und wir aßen ein überwiegend kaltes Mittagessen, bestehend aus San Daniele Schinken und Mozzarella, Weißwein, Würstchen und Pommes frites.

Nach einem kleinen Schläfchen führte mich meine Cousine am Nachmittag zum ersten Mal in meinem Leben in den römischen Stadtteil EUR. Es wunderte sie sehr, dass ich noch nie dort gewesen war. Während sie sich wunderte, schob sie ein vor uns stehendes Auto weg, um aus der Parklücke zu kommen. Dafür sind Stoßstangen nämlich da.

„Hast du schon mit ihm geredet? Weißt du, ob er Jessica begegnet ist?“, fragte ich meine Cousine. Ich hegte keine Gedanken an EUR, diesen seltsamen Retortenstadtteil. Aber ich hatte recht, als ich gestern Nacht unter dem Hochbett Chiaras gelegen hatte: Sie interessierte das alles wirklich nicht. All das waren für sie nur Legenden und Geschichten. Sie erklärte mir, dass sie nicht genau wisse, wo er sei, noch wann wir ihn wieder sehen würden. „Er meldet sich bestimmt bald bei dir.“

Im Stadtteil EUR stieg ich aus und schaute ein wenig unsicher zu ihr ins Auto.

„Das hat Mussolini bauen lassen für die Weltausstellung 1942.“

„Ja?!“, sagte ich halb fragend, halb Wissen vorgaukelnd, denn mir war heiß und ich setzte meine Sonnenbrille auf, während ich mich am Dach des Autos abstützte.

 

Bald Basis eines Modelabels – Der Palast der italienischen Zivilisation

 

Schon nach wenigen Metern merkte ich, dass dieser Stadtteil das eigentliche Gespenst Roms war und nicht die Katakomben oder die Ruinen auf der Appia Antica. Vollkommen menschenverlassen standen hier die großen faschistischen Marmorportale herum, die Regierungsgebäude, die Theater und Kongresspaläste, die Staatsarchive und die kuppelgekrönten Kirchen. Die Fertigstellung des Stadtteils war im Sumpf des Zweiten Weltkriegs gescheitert. Eine Weltausstellung hatte hier nie stattgefunden und trotzdem baute man den Stadtteil nach dem Krieg fertig. Die meisten Bauwerke dienen jetzt als Verwaltungsgebäude und der Palast der italienischen Zivilisation wird an ein italienisches Modelabel vermietet. Aber ich sah keine einzige Seele.

Mir kam dieses Gebiet, dieser Stadtteil, er kam mir vor wie eine Idee. Und nichts anderes war EUR. Er war nicht nur die Idee die Stadt Rom zu erweitern und ans Meer anzugliedern, er war auch Mussolinis italienisches Äquivalent zur „Welthauptstadt Germania“.

Nach einem langen Spaziergang durch die moderne Antike Roms traf ich Dino vorm Museum der römischen Zivilisation. Er war nicht alleine. Mit ihm war ein Mann, der sich als der Bildhauer Maurizio Tazutti vorstellte. Er war für die künstlerische Gestaltung, für das Artwork eines neuen Goldbuches für den turkmenischen Staatsführer Gurbanguly Berdimuhamedow verantwortlich.

Dieses Projekt brachte meinen Cousin an den Rand der Verzweiflung. Bisher hatte er nämlich nur die Gestaltung von Büchern übernommen, die als Thema entweder eine Person (Ronald Reagan), Glauben (Gott) oder eine Stadt (Rom) hatten. Der Fall Gurbangulys aber war ein spezieller Fall. Der Diktator, pardon, der Regierungschef Turkmenistans wollte in diesem Buch weniger sich selbst dargestellt sehen, als seine über alles geliebten Pferde. Das Buch sollte entsprechend „The Gold Horses“ heißen.

Dino war also mehrmals nach Turkmenistan gereist, um mit den Vertretern Gurbangulys über die Gestaltung des Buches zu sprechen. Ihn selbst hatte er nie zu Gesicht bekommen, da eine offizielle Audienz eine „Abgabe“ von einer halbe Million Dollar verlangte. Gurbanguly entspricht dem Typ Diktator, der sich selbst Phantasieorden verleiht. Sein Volk besteht hauptsächlich aus Nomaden und deshalb hat er außerdem Zeit sich seinem Lieblingsthema zu widmen: den Pferden. 12.500€ für ein Buch, in dem er sich für immer seine Pferde anschauen konnte, eine Gold-Wendy.

Und obwohl dieser Gurbanguly 2011 während eines Rennens, vor den Augen eines internationalen Publikums, von seinem Pferd fiel und alle Videoaufnahmen des Sturzes unverzüglich gelöscht werden mussten, liebte er seine Pferde nach wie vor und bekam jetzt ein Buch, das allen diese Liebe beweisen sollte.

Gurbanguly hatte meinen Cousin in seine Hauptstadt Aschgabat eingeladen, wo er sich aber nicht wohl fühlen konnte. Er schlief in einem menschenleeren Hotel, dessen Zimmer mit Überwachungskameras ausgestattet waren. Man lud ihn zu großen Pferdeshows ein und auf Getränke in Hotelbars. Und immer war er alleine. Die Stadt war menschenleer gewesen, keine Seele weit und breit. Eine größere Geisterstadt als EUR.

Jedenfalls hatten sie sich irgendwann auf ein Thema einigen können. Für meinen Cousin war dieses Projekt, trotz des wahrscheinlich lächerlichen Themas, ein sehr wichtiges. Der turkmenische Führer bestellte die Bücher nämlich auch, um sie an Führer der Golfstaaten zu verschenken. Eine gelungene Werbung für D´Oro Collection. Aber trotzdem. Für ihn muss es wirklich ein Abstieg gewesen sein: Erst Gott, dann Reagan, dann Pferde.

Wütende Blicke lagen auf mir

Als ich vor dem Museum zu Maurizio Tazutti und Dino stieß, waren beide in eine intensive Diskussion vertieft. Sie standen vor einem Gipsabdruck Gurbangulys. Das Titelbild des neuen Buches zeigte ihn mit einem seiner Lieblingspferde. Über die Physiognomien des Pferdes schien alles gesagt, aber die Nase des turkmenischen Führers war ein Problem. Nun spannten sie mich ein. Ich hätte „fresh eyes“ – so drückten sie sich aus – und sie wollten wissen, ob die Nase der Nase ähnelte, wie sie hier auf einer Fotografie abgebildet war. Sie hielten mir ein zerfleddertes turkmenisches Soraya-Heftchen vor die Augen, mehr hatte der Bildhauer nicht. Das musste als Vorlage reichen um dem echten Gurbanguly gerecht zu werden. Ich war aber vom leeren Viertel EUR, seinen Ausmaßen und von der Hitze so in Anspruch genommen, dass ich eigentlich gar keine Fehler erkennen konnte. Mein Cousin wollte aber Fehler sehen und deshalb sagte ich einfach, die Nase sei zu groß. Wütende Blicke lagen auf mir. Ich war wohl trotz frischer Augen keine große Hilfe. Dabei hätte ich wissen müssen, dass es für meine Cousin in diesem Fall wieder um „Ehre oder Arsch“ ging.

Irgendwann waren sich die beiden über etwas einig geworden, ich verstand wenig bis nichts. Im EUR begann es zu dunkeln und wir verließen das Viertel Richtung Zentrum. Nach einem kleinen Abendessen nahm mich Dino mit zur Kirche des Malteserordens, der Santa Maria del Priorato, auf den südlichsten der sieben Hügel Roms. Aber da wir sie heute nicht mehr betreten durften, schauten wir nur durch das von Michelangelo gefeilte Schlüsselloch auf den Petersdom.

Später lehnten wir an seinem BMW, es dämmerte schon sehr schwer jetzt. Unter uns lagen die Gassen Roms im Schatten. Touristen und Schwalben kreischten auf unterschiedlicher Höhe.

„Dino, musstest du eigentlich mit Kardinal Jessica beten?“ Endlich konnte ich fragen, was mir schon die ganze Zeit auf dem Herzen lag.

„Nein, musste ich nicht. Dafür bin ich jetzt anderen Menschen etwas schuldig.“

Ich fragte nicht weiter nach, weil er sowieso nicht mit mir darüber geredet hätte. Wenn er wusste, dass seine Geschichten komisch waren, erzählte er sie uns allen. Wenn er wusste, dass sie uns verstörten, oder das Bild, das wir alle von ihm hatten, zerstören würden, dann sprach er entweder nicht weiter oder er begann das Problem auf ein Blatt Papier zu zeichnen. So behält er bis heute seine Geheimnisse für sich, er hat aber auch bis heute nicht seinen traurigen Blick verloren.

 

III


Die auf die Dämmerung folgende Nacht war bosheitsgeschüttelt gewesen. Im BMW schlenkerten wir über den römischen Asphalt, erklärten uns gegenüber jungen amerikanischen Touristinnen als olympische Turmspringer und fuhren so lange über rote Ampeln, bis die Polizei uns anhielt, um nachzufragen, ob alles in Ordnung sei.

Am nächsten Tag waren wir froh, dass wir es geschafft hatten rechtzeitig aufzustehen, zu duschen und die Flecken von der Soutane für die Zeremonie der Ritterschlagung zu wischen, die im Kofferraum des Autos ganz knitterig geworden war.

Wir standen am Eingang der unterirdischen Kirche an der Piazza del Grillo, in der die Ritterschlagung stattfinden sollte. Meine Cousine und meine Tante liefen auf uns zu und lächelten ein bisschen, so dass man bei meiner Cousine die Zunge sehen konnte, die sich langsam zwischen den zwei Zahnreihen hervor schob.

Während des Gottesdienstes, der in Latein gehalten wurde, hielt meine Cousine kurz meine Hand. Jetzt war sie doch ein wenig aufgeregt. Während draußen die Luft brannte, waren wir hier wie tiefgekühlt. Feste Kerkerwände waren um uns herum. Wie ein Reduit in einen Berg gehauen lag die Kapelle mitten in Rom unter der Erde. Die Frauen waren allesamt verschleiert, oder hatten sich Kopftücher umgebunden, wie meine Cousine und meine Tante. Die Männer hatten mindestens Anzüge an, viele trugen Soutanen, einige auch Militäruniformen. Eine, in jeder Hinsicht, fremde Welt.

Dann begann die Zeremonie. Sie war harm- und formloser als geglaubt. Irgendein kurzer Ausspruch, dann der Gang meines Cousins durch das Kirchengebäude, ein Kniefall, ein weiterer Ausspruch und eine Segnung. Dann ein Lächeln. Es kam gar kein Schwert ins Spiel, es war überhaupt nicht martialisch. Es war friedlich und still. Wir beteten alle und verliessen die unterirdische Festung.

Nach den offiziellen Feierlichkeiten wurden wir in die Casa dei Cavalieri di Rodi eingeladen, das Gebäude, in dessen Keller die Zeremonie stattgefunden hatte. Ein gänzlich vom Tourismus verschontes Highlight. Ich war an einem vertraulichen Ort ohne Wikipedia-Eintrag. Wir stiegen an Schriften von Dante vorbei, die dieser in die Mauern der Casa geritzt hatte und die von Plexiglasscheiben geschützt wurden, wir stiegen bis hoch auf den überdachten Balkon und hatten von dort aus einen wunderbaren Blick über das Forum Romanum. Das Essen war trotzdem verderblich. Wir tranken fast nur Weißwein.

Hier oben also, zum kleinen Umtrunk, versammelten sich langsam die Männer und Frauen aus der Katakombenkirche. Was im Dunkeln nicht richtig zu erkennen war, das sah ich jetzt. Ein buntes Bonbon an auffälligen Menschen: Kardinäle und Mitglieder alter Adelsgeschlechter, Militaristen, verschleierte Prinzessinnen aus fremden Ländern und vor allem ehemalige Ritterfamilien. Alle waren entweder aus Dankbarkeit hier oder weil sie mächtig waren.

 

Fast alle da, weil sie mächtig sind.

 

Und etwas auf diesem Balkon brachte mich besonders durcheinander: der groß angekündigte, homosexuelle Kardinal Jessica war nicht gekommen. Wir rätselten und dachten, ihn schon in der Menge entdeckt zu haben, aber er saß wohl beleidigt im Vatikan und trauerte ob der verpassten Chance meinen Cousin in die wahre Ehrenhaftigkeit eines Ritters einzuführen.

Dann sah ich eine Frau, die ich aus meinen Albträumen kannte. Ein schwarzer Schleier war über ihren bleichen Kopf gelegt, die Augen waren sehr dicht beieinander und schienen zu schielen, ihr Kinn war zu groß und der Mund stand offen. Als sie bucklig zu uns stieß und meinem Cousin gratulierte, fragte ich ihn heimlich auf Deutsch, wer das sei. Er erklärte mir, dass diese Frau aus einem der letzten Adelsgeschlechter Italiens stamme, eine nette Frau, aber leider heillos durch Inzest verformt.

Und zum ersten Mal hätte er mir etwas nicht zu erzählen brauchen, weil es mein Bild von ihm veränderte.

An diesem Nachmittag wandelten wir noch ein wenig durch Rom. Die Festlichkeiten waren schneller vorüber gegangen als gedacht. Außerhalb der Steinmauern der Katakomben kam es uns vor, als würde der Asphalt Hitzeblasen werfen. Wir kauften meiner Cousine ein paar Schuhe. Dino brachte erst sie nach Hause und fuhr mich dann zum Bahnhof Termini. Auf dem Weg dorthin verjagte er Touristen von der Straße indem er mit seinem BMW auf sie zuhielt und erst in letzter Sekunde auswich. Ein Quicken, ein Schimpfen, ein Geschrei.

Vorm Bahnhof verabschiedete ich mich von ihm, er küsste mich links und rechts und stieg ins Auto. Wie immer sei es schön gewesen, sagte ich und er bedankte sich auch bei mir, ich weiß nicht mehr für was. Als er wegfuhr fragte ich mich, ob er mit seinen Büchern und seiner Arbeit im Malteserorden wirklich diesen seltsamen Kampf gegen die virtuelle Welt gewinnen würde. Mit seinem römisch-deutschen Kopf, der mit Bildern von unsterblichen Schätzen gefüllt ist und in dem die Idee einer anti-digitalen Zukunft herumspukt.